Über die Gleise, dann rechts

Ich war nicht glücklich, als ich sie zum ersten Mal sah. Ich saß in einem etwas muffigen Café in der verschuldeten Stadt, in der ich wohne, und die Anoraks aus zu buntem Goretex und fleckig gewordener Fallschirmseide, die die wenigen Menschen auf den fast leeren, feuchten Straßen trugen, die graue Fußgängerzone mit ihren komischen Geschäften, die hier so aussahen wie überall anderswo auch, nur älter und trauriger, und die vereinzelten Scherben und Kippen und Plastikreste auf dem Asphalt da draußen schienen unter der Tür hereinzusickern und drückten durch die Fenster und verschwammen mit den krümeligen Tischen aus einem asymmetrischen Jahrzehnt. Aber über dem Dach des Kaufhauses glühten die abziehenden Regenwolken in der untergehenden Sonne, und ein paar Bäume zwischen Straße und Bürgersteig leuchteten goldgelb auf, und für eine halbe Minute vergaß ich fast, dass das gleich wieder vorbei sein würde.
Es war aber gleich wieder vorbei, und die graue Dämmerung floss zurück an ihren Platz.
Dann kam sie zur Tür herein, grau und schwarz mit einem roten Schal und roten Haaren. Ich sah sie nur aus den Augenwinkeln. Ich blickte natürlich nicht auf von meinem Kaffee und der Zeitung, die ich nicht las. Sie saß am Tresen, während ich versuchte, noch ein paar Minuten länger an etwas anderes als an mich und das hohle Gefühl zu denken. Dann gab ich es auf. Den Kaffee hatte ich schon bezahlt, also faltete ich nur die Zeitung zusammen, stand auf, fing den Stuhl gerade noch an der Lehne, bevor er umgekippt wäre, stolperte halb über den Rucksack eines der Mädchen am Nebentisch und ging.
Hinter mir war eine fließende Bewegung, und ich hielt im Hinausgehen automatisch die Tür auf. „Danke“, sagte sie, und ich blieb stehen und hielt den Türgriff, bis sie neben mich auf den Bürgersteig getreten war. Sie war ziemlich klein, ihre Augen waren sehr dunkel, und ihre Haare schienen feucht zu sein, sie kräuselten sich und standen ihr in alle Richtungen vom Kopf ab, vielleicht war sie vorhin in den Regen gekommen, und sie lächelte halb, als sie mich ansah. Ich stand vielleicht zwei Sekunden so, in denen ich nochmal kurz nicht daran denken musste, wer ich war, weil ich sie ansah und sie nicht zu meinem Leben gehörte, dann drehte ich mich weg und wollte gehen, aber sie sagte: „Musst du wohin oder magst du noch ein Stück spazieren laufen?“ Ich wusste kurz nicht, was ich sagen sollte. Ich glaubte, etwas in ihr wiederzuerkennen, so ähnlich, wie vielleicht ein Minenarbeiter den anderen oder die Hörer obskurer Musik einander an irgendetwas erkennen, aber ich bin es nicht unbedingt gewöhnt, dass mich fremde Menschen auf der Straße fragen, ob ich mit ihnen spazieren gehen will.
Aber die Aussicht, noch etwas länger nicht nach Hause zu müssen und noch eine halbe Stunde oder so außerhalb meines Lebens herumzulaufen, war zu wenig schlecht, um nein zu sagen. Ich sagte also erst einmal gar nichts, sah sie an, zögerte, sagte beinahe etwas und sagte dann „Ja, warum nicht, sollen wir da lang …?“ und ja, warum nicht, während wir uns nach links wandten und durch die ausgestorbene Fußgängerzone Richtung Bahnhof gingen, dachte ich: Es ist ganz egal, ob sie zu irgendeiner Gang gehört, die mich hinter der nächsten Hausecke niederschlägt und mir meine 23 Euro 50 abnimmt und den Führerschein, den ich nie benutze, oder ob sie gleich versucht, mir etwas zu verkaufen und pampig wird, wenn ich nichts will, oder ob sie irgendwie wahnsinnig ist oder mir irgendwie irgendetwas schlimmes passiert, ich will jedenfalls nicht nach Hause. Also gingen wir. Als wir am Ende der beleuchteten Schaufensterzeile in eine der dunkleren Straßen einbogen, den Bahnhof links liegen ließen und zwischen älteren Häusern und nassen, halb kahlen Bäumen auf die Autobrücke über die Gleise zuhielten, hatte mich noch immer niemand zusammengeschlagen und sie hatte auch nicht angefangen, mir religiöse Erweckung zu predigen. Sie hatte mich nur von der Seite angesehen und gefragt: „Du bist nicht besonders froh, oder?“ und ich hatte „nein“ gesagt.
Am obersten Punkt der Brücke blieben wir stehen, sie legte ihre Hände aufs Geländer und lehnte sich dagegen, und mir fiel auf, dass sie Fäustlinge trug, obwohl es noch warm war; aber der Stoff schien dünn, vielleicht sollten sie heilende Verletzungen schützen; sie schienen sie nicht zu stören. Ich hatte überhaupt den Eindruck, dass sie nicht leicht zu stören wäre, wie sie so neben mir stand und sich die Gleise unten und die Innenstadt hinter uns ansah, wie ein Reisender eine Stadt ansieht, mit hellen Augen, ein wenig belustigt, halb beeindruckt, und vollkommen im Reinen damit, außen vor zu sein.
– „Magst du darüber reden?“
– „Ach, nö. – Danke, ich meine, ist nett, dass du fragst …“
„Schon ok, musst ja nicht“, sagte sie, und wir sahen eine Weile den Zügen zu, wie sie langsam in den Bahnhof rollten oder ihn verließen, die Leute hinter den Fenstern in Bücher, Zeitungen und Telefonbildschirme vertieft, in ein mitgebrachtes Brot oder ein Bier oder nach dem Arbeitstag schon eingeschlafen für den kurzen oder zu langen Heimweg, als sähe man in lauter aufgereihte Wohnzimmer, und nur manchmal ein Gesicht der Dunkelheit draußen zugewandt. Dann erzählte ich es ihr doch, nicht alles, das wäre viel gewesen, aber davon, wie ich vor einigen Monaten jemanden kennengelernt hatte und mich halb in ihrer offensichtlichen Zuneigung sonnte, halb nicht daran glauben konnte, aber nie tatsächlich etwas tat, bis ich sie seltener sah und mich häufiger fragte, wo sie sei und was sie wohl gerade tat; bis mir irgendwann klar wurde, dass ich nicht zu wenig verliebt war, sondern zu viel, dass das alles zu viel und zu gut werden könnte für mein kleines Herz und mein sorgfältig abgestecktes Leben, in dem allerdings sowieso nichts mehr stimmte. Aus dem ich sowieso wegmusste, aber ich hatte Angst vor der Leere da draußen, wenn ich an das Wenige rührte, was da war; und was, wenn es schiefging? Ich habe schon so viele Abende allein verbracht und nicht gewusst, wo ich hingehen oder wen ich anrufen sollte; es wird weniger schlimm, wenn man nicht mehr glaubt, dass es anders sein sollte. Ich hatte das labile Gleichgewicht nicht stören wollen, in dem ich mich seit ein paar Jahren auf einem sehr dünnen, schwankenden Ast festhielt, aber jetzt fiel mir auf, wie unbequem er war und wie gern ich von ihm heruntergesprungen wäre, und wenn nur um des kurzen Fallens willen. Und ich hatte tief Luft geholt und langsam meine Hände um das dünne Holz gelockert und innerlich Anlauf genommen für den Sprung, und dann kam der Tag vor zwei Wochen, an dem ich ihr das alles sagen wollte und sie traf und, bevor ich noch irgendetwas sagen konnte, sah, dass es zu spät war und sie jemand anderen kennengelernt hatte. Und ich erwischte im Fallen gerade noch den verdammten Ast und zog mich wieder hinauf, obwohl es das Letzte war, was ich wollte: da bleiben, wo ich war. Aber es gab jetzt nichts und niemanden mehr, für den ich hätte loslassen können.
– Wenn man so etwas erzählt, hört es sich immer ungeheuer banal an. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass man die Schmerzen anderer Leute nicht nachvollziehen kann, wenn man sie nicht genau zum gleichen Zeitpunkt am eigenen Leib erlebt. Es hilft nichts, wenn man früher einmal etwas Ähnliches gefühlt hat, das Hirn streicht die Erinnerung, sobald es kann, und bestenfalls ist da gar kein Wiedererkennen, schlimmstenfalls glaubt man, dem anderen etwas voraus zu haben und ihm irgendetwas erzählen zu können, weil man das, was er gerade durchmacht, ja schon längst hinter sich habe und nun klüger sei. Als könnte es einem nicht jederzeit wieder passieren. Und dann erinnert man sich an all die Male vorher, wie sie wirklich waren, als würde einem jedes Mal erst dann wieder klar, wie sich eine rotglühende Herdplatte anfühlt, wenn man schon wieder die Hand daraufgelegt hat.
Sie hörte zu und schien zu verstehen, jedenfalls sah sie mich so an, als könne sie sehen, was ich sah, die gleiche große weiße Leere, und als hielte sie mich einen Moment lang fest. „Tja“, sagte ich. „Ja“, sagte sie. „Es ist oft so oder irgendwie so ähnlich, oder?“ Es klang nicht so, als fände sie es deswegen weniger schlimm, eher im Gegenteil. Ich fragte, ob wir noch ein Stück weitergehen sollten, und sie sagte, ich könne sie ja noch heimbringen, wenn ich wolle; sie müsse vorher auch noch schnell bei jemandem etwas abholen, aber das sei auch nur ein kurzes Stück weiter zu laufen, lang aufhalten werde sie sich da nicht. Ja, dann, warum nicht. Wir gingen weiter, verließen die Brücke auf der anderen Seite in Richtung eines merkwürdigen Ecks, in dem ein paar generische Veranstaltungshallen einigen unschönen Wohnblocks den Ausblick auf alte Industriearchitektur und den baumbestandenen Kanal verwehren, ein Stadtrand mitten in der Stadt, die hier mit einem ihrer Satelliten zusammengewachsen war.
Sie bog in Richtung der älteren Hallen ab. Um diese Uhrzeit war hier noch fast nichts los; ein paar kleine Grüppchen Schwarzgekleideter warteten vor einem Ticketschalter, der erst in einer halben Stunde aufmachen würde, und ein Stück weiter eine Metalltreppe hinauf standen noch ein paar von ihnen vor einem Eingang, aus dem noch relativ verhalten Musik zu hören war. „Wartest du hier? Dauert nicht lang“, sagte sie. Der Türsteher ließ sie mit einem Nicken durch, während ich die Zigaretten aus der Tasche kramte, zu denen ich eigentlich nur dann Zuflucht nehme, wenn ich irgendwo stehe und warte und die Leute um mich herum nicht kenne. Aber hier sahen sie mich nur kurz und freundlich an, bevor sie ihre Gespräche untereinander wieder aufnahmen. Ich lehnte an der Wand und betrachtete die Gegend; ich war nicht oft hier, eigentlich war ich seit über einem Jahr kaum noch weggegangen, und in genau dieser Halle war ich noch nie gewesen oder konnte mich jedenfalls nicht daran erinnern. Unten neben dem Parkplatz führten Schienen entlang; während ich meine Zigarette anzündete, fuhr dort eine S-Bahn vorbei. Ich stand und rauchte und sah in den einsetzenden Nieselregen hinaus, um mich herum das Murmeln der fremden Gespräche und ab und zu Lachen und der holpernde Rhythmus der Musik irgendwo da drinnen. Rechts von mir saß einer in einer Mauernische unter einem kleinen Dachvorsprung und trank seine Dose Irgendwas aus, in Ruhe, ohne dass er sich irgendwie unwohl zu fühlen schien, weil er, wie ich, niemanden zum Reden hatte. Ein, zwei Meter über ihm, auf einem kleinen Sims an der Mauerercke, hielt sich ein Pflanzenbüschel in den alten Ziegeln fest, kleine weiße Blüten an dünnen Stengeln, die im leichten Wind hin und her geworfen wurden. Ich sah ihnen eine Weile zu. Ich fühlte eine Art Ruhe. Wie eine Insel in allem, was mich etwas anging oder was ich hätte tun sollen: hier jedenfalls nichts, und das war kein schlechter Ort, um ein paar Minuten zu stehen und zu schauen.
Dann stand der Mann mit der Dose auf, stellte sie ins Eck auf den Boden und verschwand in der Halle, meine Zigarette war ausgeraucht, unten rauschte ein Regionalzug vorbei und ich lehnte mich vor und sah durch die offenen Türen, ob ich meine Begleiterin irgendwo sehen würde. Ich machte sie hinter einigen vorbeilaufenden Leuten aus, wie sie am Rand des kleinen Menschenstroms stand, der sich hinein- und herausschlängelte; sie schien ihren Bekannten gefunden zu haben, sie redeten. Es war ein großer Mann mit kurzgeschorenen Haaren und einem freundlichen Gesicht. Dann holte er etwas aus seiner Tasche, das kurz aufblitzte wie Glas, und gab es ihr; sie sah es nur kurz an, steckte es ein, holte selber irgendetwas aus der Tasche und gab es ihm mit einem kleinen Lächeln. Er nickte, sagte etwas, worüber sie beide ein wenig lachten, und sie verabschiedeten sich, mit einem kurzen Handheben und einem kleinen noch einmal Umdrehen im Weggehen. Wenn so Drogen verkauft wurden, hatte ich mir das immer ganz falsch vorgestellt. Aber vielleicht war es ja auch nur Musik oder, was wusste ich schon, vielleicht waren sie beide Journalisten und so lief das mit der sicheren Weitergabe von Daten; es ging mich ja nichts an, ich lief ja nur mit ihr herum, weil ich sonst schon längst daheimgesessen wäre mit meiner Wohnzimmerwand zur Gesellschaft. Ich lehnte mich wieder an die Mauer und sah in die andere Richtung, bevor sie herauskam, nur für den Fall, dass ich besser nicht gesehen hätte, was ich gesehen hatte, aber sie wirkte überhaupt nicht verstohlen oder irgendwie aufgeregt, als sie wieder neben mich trat und „So, fertig, wollen wir weitergehen?“ sagte.

Während wir die Treppe hinabstiegen – und ich fand es fast schade; ich hätte nicht hineingehen wollen, aber dort oben vor der Tür hatte ich mich gar nicht so verkehrt gefühlt –, fragte ich sie, wo sie wohne, obwohl es mir nicht wirklich wichtig war, wie lange wir noch so gingen; eigentlich hoffte ich sogar, dass mein Heimweg noch um einiges länger werden und fernab der Buslinien verlaufen würde, denn je länger ich laufen musste, desto müder würde ich beim Heimkommen sein und vielleicht sogar schlafen können. „Im Wasserturm“, sagte sie. Ich sah sie fragend an, aber sie blickte geradeaus. Vermutlich hatte sie „beim Wasserturm“ gesagt, aber auch das ergab wenig Sinn, denn um diesen Turm herum gibt es nur ein, zwei Bürohäuser und eine Brache, die nie wirklich ein Park geworden ist und von den Spaziergängern und Jugendlichen in stiller Übereinkunft den Hundebesitzern überlassen wird. Der Wasserturm ist kein Wasserturm, er wird nur so genannt, weil ganz oben, direkt unter seinem ausladenden kegelförmigen Dach, ein obsoleter Werbeschriftzug des ehemaligen örtlichen Wasserdienstleisters angebracht ist. Es ist ein alter runder Turm aus roten Ziegeln, der in einem überwucherten Grundstück steht, in dem sich Efeu und wilder Wein von den Bäumen und Büschen zu den Turmmauern hinüberschwingen und an ihnen hochranken bis zum vierten der neun Stockwerke – jedenfalls vermutete ich hinter jeder der Fensterreihen ein Stockwerk. Ich hatte mir schon einige Male, wenn ich an ihm vorbeigekommen war, vorgenommen herauszufinden, für was er einmal gut gewesen war, und es immer gleich wieder vergessen; aber ich war mir ziemlich sicher, dass er noch nicht einmal für sehr sture Hausbesetzer zum Wohnen getaugt hätte. Die Mauer um das Grundstück war hoch und hatte oben eine doppelte Reihe Dornen, das Tor war mit einer Kette gesichert, die im Gegensatz zu allem anderen an diesem Gebäude neu und stark aussah, die Einfahrt war von Brombeeren überwuchert und hinter der schlichten Architektur des Turms vermutete ich ehemalige Messstationen und Büros, vielleicht irgendein kleines Labor oder eine mir fremde Art von Industrieanlage.
Wahrscheinlich wohnte sie in einem der freudlosen Wohnblocks ein Stück weiter, obwohl sie dort nicht gut hinzupassen schien; aber ich hatte nichts gegen die Richtung. Ich mochte den Turm irgendwie, er war von all dem nutzlos Übriggebliebenen in dieser Stadt das einzige ansatzweise Geheimnisvolle oder Romantische, es sah ganz schön aus, wie er sich rot aus dem grünen Dickicht erhob, dass sich im Herbst dann ebenfalls rot färbte, und gelb; wenn es geregnet hatte und manchmal auch bei trockenem Wetter roch es im Vorbeigehen nach nassen Ziegeln; und ich mochte seinen Namen, denn wenn man am Abend an ihm vorbeiging, wenn das Licht gerade noch durch einen bewölkten Himmel drang, und zu seinen Bogenfenstern aufsah, dann schwamm das Spiegelbild des Himmels in den ungleichmäßigen alten Scheiben, als bewegte sich hinter den Fenstern Wasser oder als schwämme dort drinnen etwas vorbei. Aber es waren natürlich nur die Wolken und das alte Glas.
Wir redeten kaum im Weitergehen, ich war damit beschäftigt, möglichst nichts zu denken, und sie schien mein Schweigen nicht zu stören. Als ich an einer engen Stelle gedankenlos vom Bürgersteig auf die Straße hinabtrat, in das Scheinwerferlicht eines nahenden Autos, nahm sie mich nur am Arm und zog mich sanft zurück, und ihre Hand lag danach einen Moment länger auf meinem Oberarm als nötig. Wir steuerten tatsächlich direkt auf den Turm zu, und als wir vor ihm standen, blieben wir stehen und sahen an ihm empor, wie er dunkel vor den vorbeiziehenden Wolken stand, die im Licht der Stadt mattrot leuchteten. Dann nahm sie einen Schlüsselbund aus der Jackentasche, eher einen altmodischen Schlüsselring mit großen, schweren, bebarteten Schlüsseln daran, und zog mich in eine enge Lücke zwischen der Ziegelmauer des Turmgrundstücks und dem Beton der Fußgängerüberführung. Ich war mir sicher, im Vorbeigehen schon oft in genau diesen Winkel geschaut zu haben, ohne dass dort irgendetwas wie eine Tür gewesen war; für gewöhnlich lag dort ein kleiner, vom Wind zusammengetragener Haufen dürrer Blätter, verwehter Plastikverpackungen und manchmal ein paar Pappkaffeebecher. Doch soviel ich im Dunkeln erkennen konnte, steckte sie den Schlüssel in etwas, was demnach ein Schloss sein musste, etwas klackte, dann rieb Metall auf Metall und mit einem leichten Quietschen öffnete sich ein Durchgang, hinter dem sich in einem weicheren Dunkel Blätter und Äste abzeichneten. Ohne etwas zu fragen oder zu sagen, folgte ich ihr in den Garten, und hinter uns schloss sich das Tor mit einem matten kleinen Geräusch.

Der Pfad, den sie mich entlangführte, war sehr eng und voller weichem Laub. Wir gingen unter tiefhängenden Ästen hindurch, von denen manchmal etwas Regenwasser tropfte, durch einen kleinen Tunnel aus Brombeerranken, die gerade weit genug zurückzuweichen schienen, um sich nicht in meiner Jacke zu verhaken. Es roch nach Herbst, nassem Gras und Wald, die Straßengeräusche klangen durch die Mauer und das Laub gedämpft wie fernes Rauschen, nur der rote Himmel über uns, durch den das Blinken eines Flugzeugs seine stumme Bahn zog, war noch der einer Stadt. Der Geruch nach nassen Ziegeln wurde stärker, dann standen wir unvermittelt vor der Mauer des Turms, ohne dass sich das Dickicht um uns gelichtet hätte; und unter einem Gewölbe aus Ästen und Efeu führte der Pfad an seiner Rundung entlang wie ein Kreuzgang in einem alten Kloster. Wir hielten uns links, und ich weiß nicht, wie weit wir der Mauer folgten, denn wir gingen im Dunkeln, nur hier und da fiel etwas Licht durch die dichten Pflanzen, und ich hatte mein Gefühl für Richtung, Entfernungen und Zeit verloren. Der Turm selber schien feuchte Kühle und eine Dunkelheit zu verbreiten, die um uns floss wie ein dunkler See, auf dessen Wellen sich nur hin und wieder schwaches Sternenlicht bricht.
Ich lief fast in sie hinein, als sie stehenblieb, offenbar um eine Tür aufzuschließen. Ein kleiner, wacher Teil meines Gehirns fragte sich wieder, was ich hier tat und in was ich hier vielleicht gerade hineingeriet, ob sie wirklich hier wohnen konnte, ob nun etwas von mir erwartet würde, ob ich etwa gerade ein Angebot angenommen hatte, mit jemandem zu schlafen – obwohl das von außen betrachtet eine gängige Erklärung der Situation sein musste, kam es mir völlig absurd vor, wie ein mit dem falschen Wörterbuch übersetzter Text. Ein anderer, eher pflanzenartiger Teil von mir sandte schwache Warnsignale aus vor diesem unbekannten Ort und der Ungewissheit, was hinter dieser Tür sein würde, und dieser Teil fragte mich leicht panisch, ob ich den Weg zurück und nach draußen überhaupt finden konnte, ob das Tor noch offen sei, ob ich hier wieder rauskäme, wenn der unbekannte Mensch vor mir das nicht auch wollte; und für einen Moment, als sie mich noch einmal über die Schulter ansah mit einem etwas fragenden Blick, als ob sie mich ihrerseits einzuschätzen versuchte, fragte sich etwas in mir ganz kurz, woher ich überhaupt wissen wollte, dass sie wirklich ein Mensch war.
Aber das war alles nur Wetterleuchten an einem Horizont ganz hinten in meinem Kopf. Mein Körper folgte ihr wie ein Tier seiner Herde. Etwas an ihr schien warm, und schön, und anders als das, was rechtwinklig und leer hinter meinem Rücken auf mich wartete, sobald ich mich von ihr wegdrehen und zu mir selber zurückkehren würde. Ich folgte ihr durch die niedrige Tür in den Turm, „pass auf deinen Kopf auf“, sagte sie, und ich zog ihn noch rechtzeitig ein.
Drinnen flammte Licht auf, es erschien mir zuerst sehr hell nach dem vielen Dunkel, ich war fast geblendet, aber es war nur eine schwache Glühbirne direkt vor uns und wohl weitere in den Stockwerken über uns, denn die Schatten des Treppenhauses, in dem wir standen, fächerten sich auf und deuteten in verschiedene Richtungen. Es war ein enges Treppenhaus mit einer steilen Holztreppe, eher eine Stiege, Treppenstufen und ein Handlauf, die in einer Art breitem Schacht nach oben führten, nach einigen Metern ein hölzernes Podest erreichten, die Richtungen wechselten und im Zickzack nach oben verschwanden. Es gab hier keine Fenster, nur die Glühfäden der altmodischen Lampen auf jedem knarrenden hölzernen Absatz und die nackte Ziegelwand auf allen Seiten. Ich weigerte mich, mir Sorgen darüber zu machen, ob das Gebäude vielleicht baufällig war und ob die alte Konstruktion nicht nur ihr, sondern auch mein Gewicht tragen würde, ich folgte ihr einfach. Ich mag alle alten Gemäuer, und ich sagte mir, dass, was auch immer sonst das nun war oder nicht war, ich immerhin den Wasserturm von innen gesehen haben würde, was zumindest etwas winzig kleines Neues in meinem Leben sein würde.
Wir stiegen höher, ohne dass irgendwo eine Tür oder auch nur ein Wartungsschacht abgegangen wäre oder ein Fenster den Blick nach außen geöffnet hätte. Viele Stockwerke, wenn es denn Stockwerke waren; und es war nichts zu hören außer unseren Schritten auf dem alten Holz, die im Schacht widerhallten, dem leisen elektrischen Sirren der Lampen, und irgendwann etwas lauter mein eigenes Atmen. Das schien sehr lange so weiterzugehen. Ich sah auf meine Füße hinab, manchmal hoch zu ihren Beinen vor mir auf der Treppe, dann wieder auf meine Füße und möglichst nicht durch die Lücken zwischen den Treppenstufen nach unten. Dann hatten wir den letzten Absatz erreicht, über uns die Trägerverstrebung des Blechdachs und vor uns eine Metalltür, die sie aufzog und für mich offenhielt; „Komm rein“, sagte sie, als würde sie mich tatsächlich in ihre Wohnung bitten. Und ich trat ein.

:-:-:

Wir standen auf einem Sims ganz oben im Turm. Über mir verschwand die Dachkonstruktion im Dunkeln. Vor mir war einige Schritte Dielenboden, von einem knöchelhohen Balken begrenzt, und dann Wasser. Ich fragte mich kurz, ob ich irgendwo auf dem Weg die Orientierung oder das Gedächtnis verloren hatte und gar nicht mehr in dem alten Turm war, aber die Wand, die das viele Wasser kreisrund umschloss, schien aus Ziegeln zu sein, und durch die drei Bogenfenster, die zur Hälfte über die Oberfläche ragten, konnte ich in jede Richtung über die Stadt sehen. Ich trat vorsichtig an den Rand des Sims und sah hinab. Das Wasser vor meinen Füßen schlug winzige Wellen, und es schien aus sich selbst zu leuchten, nur ganz schwach, und unruhig, so als schwämme irgendwo weiter unten etwas matt Leuchtendes darin herum. Von außen hatte ich den nächtlichen schwachen Schein hinter den Fenstern immer für eine merkwürdige Reflexion der Lichter der Stadt gehalten.
Ich stand und schaute. Es war warm, und still, hier drinnen hörte man die Stadt nicht mehr, nur die leisen Geräusche des Wassers unterm Holz und manchmal ein leises Schwirren oder Pfeifen, wenn der Wind draußen sich irgendwo im Dach verfing. Hinter dem Wasser öffnete sich die Nacht, ich sah durch die unebenen Scheiben über die verschwommenen Lichter meiner Stadt hinweg bis dorthin, wo sie endeten und nur noch Schwärze folgte. Mir wurde schwindlig, und ich holte meinen Blick zurück in den Turm. Vor meinen Füßen zuckte kurz etwas Helles auf und versank wieder. Ich ging zuerst in die Hocke, dann kniete ich mich hin und beugte mich über das Wasser, und sah dem Leuchten nach. Es schien sich zu bewegen, ein wenig wie eine winzige Schlange, nur etwas ruckhafter; und jetzt sah ich an anderen Stellen dort unten weitere dieser Lichter, von denen keins das gleiche Leuchten abzugeben schien. Was mir zuerst vorgekommen war wie ein blasser, milchiger Schein über der Wasseroberfläche, schien dort unten aufzubrechen in verschiedene Farben, ein kurzes grünes Leuchten, dann ein goldenes, dort drüben verschwand Gelb in einem tiefen Blau. Während ich hinabsah, begann ich zu sehen: Ein Wald aus Wasserpflanzen, die sich sanft hin und her bewegten wie in einer schwachen Strömung, und die Wesen, die dort schwammen. Noch sah ich alles nur undeutlich, aber es war, wie den Sternenhimmel zu betrachten in einer wirklich dunklen Nacht: Je länger ich hinsah, und je weniger ich versuchte, etwas zu erkennen, umso deutlicher wurden die kleinen fernen Lichter, umso mehr nahm ich die Tiefe wahr, in der sich immer mehr schwach Leuchtendes und Dunkles zu einer Struktur und zu einem anderen Ort zusammenfand, sehr fern und doch – … Wenn ich früher zu den Sternen aufgesehen hatte, hatte ich immer das Gefühl gehabt, dass mich etwas nach dort oben zog, in den Raum zwischen all den Sonnen; dass die glatte Oberfläche des Himmels, die Kinder in ihren Bildern als blauen Balken ganz oben am Rand malen, sich mehr und mehr zu einem ungeheuer großen und tiefen, sehr fernen, sehr sehr schönen Raum ausdehnte, in dem zu schwimmen sich besser anfühlen müsste als alles, was hier unten auf mich wartete. Ich kniete und schaute in das eingefangene Universum aus Wasser hinab, und mir fielen all die Träume ein, die ich als Kind mal hatte, und später, als ich noch richtig jung war, und dann fiel mir wieder ein, wo ich jetzt war, da draußen, wenn ich nicht gerade hier in diesem Turm war; und ich fühlte ein Brennen hinter den Augen.
Das war mir alles zu viel. Ich spürte eine Welle von Panik und Unwillen kommen und riss mich los, stand auf und drehte mich zu ihr um. Sie stand noch bei der Tür und sah mich an. Ich wollte natürlich etwas fragen, aber alle Fragen, die ich im Kopf formulieren konnte, klangen nur dumm und fragten genau das Falsche, deswegen sagte ich nichts und hoffte, sie würde es mir einfach so erklären. Tat sie aber nicht. Sie sagte bloß: „Das wollte ich dir nur zeigen. Wenn du gehen magst, geh einfach zurück, du weißt ja wo, und die Türen gehen von innen alle auf. Aber du kannst auch noch hierbleiben, solange du willst, und … schauen.“ Das nächste sagte sie sehr leise und zögerte dabei: „Wenn du magst, kannst du hier auch weinen“, und dabei sah sie mich zum ersten Mal etwas verstohlen von der Seite an, oder vielleicht eher so, als wollte sie sich für das entschuldigen, was sie sagte, als wäre es ihr ein kleines bisschen unangenehm, wie es einem unangenehm ist, jemand noch beinahe fremden um Hilfe zu bitten oder ein etwas zu intimes Angebot zu machen, von dem man nicht weiß, ob es willkommen ist. Dann trat sie neben mich an den Rand des Sims, hockte sich hin und holte das Ding aus der Tasche, das sie vorhin von dem großen freundlichen Mann bekommen hatte. Es war eine kleine Glasphiole, die sie mit ihren behandschuhten Händen vorsichtig entkorkte und ausgoss, in das Wasser vor uns; sie hielt sie sehr geduldig verkehrt herum über die Wasseroberfläche und schüttelte sie ein wenig, bis sich der letzte Tropfen daraus gelöst hatte. Sie verstaute die Phiole wieder in der Tasche, stand auf und machte eine ziellose Bewegung mit den Händen wie jemand, der sich auf einer Party verabschieden will und nicht recht weiß, wie er die Wand aus fröhlichem Geschwätz durchbrechen soll, die den Gastgeber umgibt. „Ich sollte jetzt nach Hause, also – dahin“, und sie deutete mit einem kleinen Lachen auf das Wasser, als wäre das die überflüssigste Erklärung. Ich hatte noch immer keine Worte für meine Fragen, und wäre ich nahe daran gewesen, welche zu finden, war ich im nächsten Augenblick weiter davon entfernt als je zuvor, denn ohne Zögern oder weitere Umstände fing sie an, sich auszuziehen. Sie hängte ihre Jacke an einen Haken bei der Tür, dann schnürte sie ihre Schuhe auf und stellte sie ordentlich darunter. Sie zog sich den Pulli über den Kopf und stieg aus ihrer Hose, faltete sie zusammen und legte sie neben ihre Schuhe. Ich wusste nicht, ob ich hinsehen oder wegsehen sollte, beides schien gleich unmöglich; und ein besonders langsamer Teil meines Hirns verfiel für eine kurze Zeit wieder auf die Idee, dass sich nun doch all das Seltsame hier in die normalste Erklärung auflösen würde: Dass ich einfach hier war, um mit einer Fremden zu schlafen, wie das andere Leute schließlich auch ständig und unter merkwürdigen Umständen zu tun schienen. Und für den Moment stellte sich eine wilde Freude ein, die mich selber ganz überraschte. Sie bemerkte mein Wegsehen und wieder Hinsehen und wandte sich mit einem schiefen halben Lächeln, als würde sie sich selber einen nicht allzu guten Witz erzählen, mir zu, bevor sie sich das Unterhemd auszog und die Unterhose über die Hüften schob und fallen ließ. Mein Atem verfing sich und stolperte über sich selbst; sie stand einfach nur da und sah mich geradeaus an. Ich hielt ihrem Blick nicht lange stand, sondern senkte den meinen, was die Sache nicht besser machte; obwohl ich mich irgendwie dafür schämte, stand ich nur da und starrte sie an. Ihr Körper schien das gleiche matte Leuchten auszusenden wie das Wasser neben uns, und während ich mich noch fragte, was ich nun bitteschön tun sollte, streckte ich meine Hand nach ihr aus und strich mit den Fingerspitzen über ihre Hüfte. Ich hatte erwartet, dass ihre Haut warm und weich sein würde, aber sie war kühl und glatt, fast hart, und ein wenig feucht. Ich sah unsicher auf und ihr in die Augen, wartete auf Anleitung, bekam aber nur das gleiche halb sarkastische, halb aufrichtige schiefe Lächeln, und dann fiel mir erst wirklich auf, dass sie noch immer ihre Handschuhe anhatte, und den Schal, und dicke Socken, die sie jetzt abstreifte. Etwas an ihren Füßen schien mir seltsam, doch bevor ich hätte sagen können was, hatte sie schon die Handschuhe ausgezogen, die Hände vors Gesicht gehoben und in einer schwer deutbaren Geste die Finger gespreizt, und ich sah die Schwimmhäute, die sich zwischen ihnen spannten. Sie wickelte den Schal ab, und darunter kamen zwei gebogene Schlitze an ihrem Hals zum Vorschein, die auf- und zuklappten, etwas hilflos in der Luft.
Ich wollte sie deswegen kein bisschen weniger berühren. Warum hätte es etwas ändern sollen? Nichts an dem hier war in irgendeiner Weise normal oder zu begreifen, aber es fühlte sich richtiger und mehr nach Zuhause an als alles, was ich die letzten Wochen gefühlt hatte. Aber sie berührte mich nur kurz am Arm, dann wandte sie sich ab, machte einen schnellen Schritt zum Rand des Gesims und glitt kopfüber lautlos ins Wasser. Ich stürzte ihr nach und sah sie mit einem kleinen Tauchzug und einer Wellenbewegung ihres Körpers in der Tiefe verschwinden, und ich wusste sofort, dass ich mir keine Sorgen um sie machen musste, dass sie da unten atmen und leben konnte; aber dass sie auch nicht wieder auftauchen würde, solange ich noch hier war, und dass ich wieder alleine am Rand von etwas stand, dass ich wieder fast jemanden berührt hatte, aber nur fast.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir klar wurde, dass es um mich herum immer noch so still war wie vorhin und das Donnern und Dröhnen nur vom Blut in meinen eigenen Ohren kam. Ich setzte mich hin, an den Rand des Wassers, und sah hinein, ob sie doch noch einmal auftauchen würde, obwohl ich es besser wusste; aber ich sagte mir auch, dass ich besser noch etwas wartete, bevor ich den Rückweg auf der steilen Treppe antrat, denn meine Knie zitterten ein bisschen, und warum sollte ich ihre Einladung nicht annehmen, noch ein wenig zu bleiben. Sie hatte mir das hier zeigen wollen, das war nicht nichts; und ich würde es später nie mehr sehen, also warum nicht jetzt. Und ich schaute.
Ich sah durch die Fenster auf der anderen Seite des Wassers auf die Lichter da unten und in die treibenden Wolken. Ich sah den Mond hervorkommen und die Wasseroberfläche zu einem Spiegel machen, der sein Licht zurückwarf, so dass es an den Wänden und unter dem Dach tanze, bis er wieder in einer Wolkenbank versank. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen wieder an das schwache Leuchten des Turms gewöhnt hatten. Dann beugte ich mich vor und sah hinab.
Zuerst sah ich nur Schatten und wusste nicht, ob sie sich wirklich bewegten oder meine Augen sie nur in das milchige Dunkel hineinzeichneten, um etwas zu tun zu haben. Dann sah ich langsam klarer, langsam wuchs mir wieder der Wald aus großblättrigen Wasserpflanzen entgegen, die sich sanft von hier nach dort schwangen; aber es blieb dunkel dort unten, die tanzenden Lichter schienen mit ihr in der Tiefe versunken zu sein.
Und ich weiß nicht, ob es war, weil sie das so gesagt hatte, oder ob es nur der richtige Ort dafür war und höchste Zeit, aber während ich dort saß und schaute und nichts mehr sah als die Lichter meiner alten Stadt weit unter mir und das dunkle, stumme Tief vor mir, begann ich zu weinen. Ich weinte heftig und lange, und wenn ich aufhörte, atmete ich ein paar Mal ein und aus, und sobald der erste klare Gedanke in meinen Kopf zurückkehrte, fing ich wieder an. Mein Schluchzen wurde von den Wänden zurückgeworfen und echote unter dem Dach wie in einer großen Trommel; ich weinte, bis es mich würgte, über mein mittelmäßiges Leben, alles, was ich verpasst hatte, und alles, was ich noch verpassen würde, weil ich unfähig war, anders zu sein als ich, und darüber, dass ich völlig allein war, dass ich nichts hiervon irgendjemandem erzählen würde können, nicht über meine Trauer und nicht über diese Nacht; und die einzige, der ich es erzählt hatte und die dabei gewesen war, war schon wieder verschwunden. Die Tränen liefen mir herunter und tropften ins Wasser. Unter dem Elend weg fragte sich ein pflichtbewusster Teil von mir, ob das etwas machte, ob das Wasser davon schmutzig würde, aber sie hatte ja gesagt, es sei in Ordnung, wenn ich weinte; und ich hatte genug damit zu tun, mir den Rotz abzuwischen, bevor er auf den Boden oder ins Wasser geriet, und ließ die Tränen fallen.
Ich weiß nicht, wie lange, aber irgendwann ebbte es ab. Die Wellen, die mich schüttelten, wurden kleiner und zogen sich zurück, bis ich irgendwann wieder am trockenen Ufer saß und mir wünschte, ich würde wieder von ihnen gebeutelt werden, denn wenn man damit fertig ist, muss man das ansehen, was noch da ist, und das ist nicht viel und nicht besser als vorher, und wenn es nicht einmal mehr schmerzt, bleibt gar nichts, und das ist fast am schlimmsten.
Ich trocknete mir das Gesicht in meinem Pulli ab, schniefte und setzte mich zurecht. Ich wollte noch ein wenig so sitzen und mich dann auf den Heimweg machen. Das Wasser hatte etwas Beruhigendes, und ich hoffte, noch einmal eins der tanzenden Lichter dort unten zu sehen, als eine Art Abschied und als den Punkt, an dem ich aufstehen und von hier weggehen würde.
Ein schwaches silbriges Huschen verschwand zwischen den Blättern, aber es sah aus wie ein normaler Fisch, nur meinte ich, ein schwaches Nachleuchten zu sehen. Ich war mir nicht ganz sicher und beugte mich tiefer hinab, bis meine Nase das Wasser berührte und ich durch mein eigenes Spiegelbild hindurchsah, und dann holte ich Luft und tauchte mein Gesicht ein, um besser sehen zu können.
Das Wasser war warm, und als etwas davon durch meine Lippen sickerte, schmeckte ich Salz. Es schmeckte nicht wie Meerwasser, es schmeckte überhaupt nicht wie Wasser, in dem Tiere und Pflanzen leben und sterben; es schmeckte klar und ein wenig metallisch, und es brannte nicht in den Augen. Ich konnte so besser sehen, unter der Wasseroberfläche. In dem Dickicht unter mir leuchtete wirklich etwas, wie ein kleiner Sternhaufen, es zuckte und pulsierte kurz und verschwand dann. Aber noch weiter unten und nahe der Wand sah ich ein schwaches rotes Licht, das langsam eine kleine Spirale abzutanzen schien. Ich versuchte, es nicht zu fixieren, sondern aus dem Augenwinkel deutlicher zu sehen zu bekommen; und ich wünschte es näher an mich heran, wie man versucht, ein Wildtier anzulocken, indem man ganz still steht und ihm etwas zu fressen hinhält. Beinah schien es zu hören, denn es kam langsam etwas näher, bevor es wieder abtrieb; dann schob sich ein größerer Schatten davor und verdeckte die Sicht, und ich erschrak, weil ich den Atem angehalten hatte und meine Lungen schrien und ich es überhaupt nicht bemerkt hatte. Ich hob das Gesicht aus dem Wasser und schluckte Luft. Ich sagte mir, dass es ziemlich dumm und nicht mal ganz ungefährlich war, was ich machte, dass ich nicht in der Verfassung war, mit Atemnot zu experimentieren, ich war nach dem vielen Gehen und allem anderen auch müde geworden. Der Heimweg würde lang werden, und ich hatte ja mein Leuchten noch einmal gesehen, also sollte ich jetzt gehen. Aber sobald ich zu Atem gekommen war, schien unter der glatten Oberfläche des Sees im Turm wieder etwas zu warten, was ich vorher unbedingt noch einmal sehen wollte, und ich tauchte mein Gesicht wieder ein.
Ich weiß nicht, wie oft ich das so machte. Fast immer sah ich die Lichter dort unten, manchmal näher, manchmal glaubte ich fast ausmachen zu können, dass eines davon so etwas wie eine Form hatte; aber sie kamen nie nah genug, dass ich damit zufrieden gewesen wäre. Und es gab dort unten noch mehr zu sehen. Der Blätterwald allein war wunderschön, wie er dunkel und langsam schwingend vor dem matten Dämmer aus der Tiefe stand. Und es glitten tatsächlich kleine Schwärme winziger Fische darin umher, vereinzelt auch größere, elegante silberne Wesen, die mit einem leichten Wedeln ihrer Flossen die Position hielten oder mit einer kaum merklichen Bewegung plötzlich davonschossen.
Nach einer Weile kam mir der Gedanke, dass ich das alles viel besser sehen würde, wenn ich selber hinabtauchte. Ich fragte mich noch kurz, ob das in Ordnung war, ob es für mich gefährlich sein konnte oder vielleicht für die Lebewesen dort unten ungünstig; aber ich wollte sie nur von Nahem sehen und zwischen ihnen schwimmen, wie es mit den Sternen nie ging – das hier konnte ich tun, einmal nur. Ich legte meine Kleidung ab, legte sie ebenso sorgfältig und ordentlich zusammen wie das Mädchen die ihre. Ich setzte mich an den Rand des Sims, die Füße im Wasser, und blickte noch einmal aus den Fenstern. Offenbar war es spät geworden, unten in der Stadt waren viele Lichter ausgegangen, es bewegten sich kaum noch Scheinwerfer zwischen den Blocks, nur die Straßenlaternen verbreiteten ihr schwefelgelbes Licht. Dann ließ ich mich vorsichtig hinab, aber im Vergleich zu ihrem lautlosen Eintauchen machte ich dennoch fürchterlichen Lärm und hohe Wellen, und ich verharrte und hielt den Atem an, weil ich halb erwartete, dass irgendjemand oder irgendetwas hervorkommen und mich zur Rechenschaft ziehen würde. Aber nichts geschah, das Wasser beruhigte sich wieder, und ich holte tief Luft und tauchte.

Ich hielt auf die gegenüberliegende Wand zu, um beim Auftauchen nicht unter dem Sims zu landen, und schwamm daran hinab. Anfangs versuchte ich kräftige Tauchzüge, aber das war hier unten ganz übertrieben, es versetzte nur die Wasserpflanzen in Aufruhr und verscheuchte alles um mich herum. Ich fühlte mich sehr plump und laut und tauchte schnell wieder auf, damit sich alles wieder beruhigen konnte.
Der zweite Versuch war besser. Das Wasser trug, ohne mich zurück an die Oberfläche zu drücken; ich konnte mich darin ähnlich bewegen wie die Fische, mit leisen Bewegungen, die mich sicher in die angedeutete Richtung trugen. Ich ließ mich an der Wand nach unten sinken, an einem der Fenster vorbei, und ich hielt dort kurz an und sah hinaus, wo es nun aussah, als stünde dort alles unter Wasser, verschwommene Flecken Helligkeit im Dunkel. Ich wandte mich dem Turminneren zu, stieß mich ganz leicht von der Wand ab und driftete in den Wald vor mir, so langsam, dass ich die dicken Stengel der Pflanzen einzeln aus dem Weg schieben konnte, wenn sie mir nicht ohnehin Platz machten, oder wohl eher von der leichten Druckwelle vor meinem Körper beiseite gebogen wurden, sagte ich mir. Dann verharrte ich auf der Stelle, die Hand leicht an ein großes Blatt gelegt, um meine Position zu halten.
Eine Weile drifteten nur die Pflanzen leicht hin und her, schwarz vor dem milchigen Hintergrundglühen, und ich betrachtete sie wie ein Schattenrisstheater, nur dass darin keine Prinzessin auftauchen würde. Dann kamen die großen Fische wieder hervor, schwammen auf ihrem Weg kleine Bögen um mich herum, wenn es nötig wurde; einer hielt neben meinem Kopf kurz an und schien mir ins Gesicht zu sehen, bevor er mit einem Schlag seiner Schwanzflosse davonschoss. Nach einer Weile folgten ihnen die kleinen, schnellen, ein Schwarm von ihnen glitt um meine Beine und verschwand im Dickicht.
Und dann wurde mir klar, dass ich schon viel zu lange nicht mehr geatmet hatte, jedenfalls vermutete ich das, ich hatte vergessen, den Atem anzuhalten, und ich erschrak und machte eine hastige Bewegung, um zur Oberfläche zurückzukommen; ich fühlte keine Atemnot, aber mein Verstand sagte mir, dass das nicht möglich war, vielleicht war etwas in diesem Wasser, was mich benommen machte und mich ertrinken lassen würde, ohne dass ich es überhaupt bemerkte – und während ich zwischen den Blättern nach oben schwamm und hoffte, dass dort wirklich oben war, schlich sich ein kleiner Gedanke ein, ob das denn so schlimm wäre. Mir tat nichts weh, es war warm hier, ich hatte nicht das Gefühl, zu ersticken, also wenn ich doch gerade dabei war, ohne es zu bemerken, würde ich denn so viel verpassen? – Pflichtbewusstsein ist eine merkwürdige Sache, es meldet sich zu den seltsamsten Zeiten, und an diesem Punkt sagte es mir: Du darfst hier nicht ertrinken, sonst hat sie deine Leiche in ihrem Turm liegen, und dann? Entweder sie muss dich rausziehen und irgendwie loswerden, oder du bringst das System hier drinnen zum Kippen, wenn du verrottest, und beides war viel schlimmer als der Gedanke, tot zu sein, und deswegen war ich froh, als ich die Wasseroberfläche durchstieß und nach Luft schnappen wollte – nur dass ich das nicht musste und nicht konnte. Es war ein Gefühl, wie auf dem Fahrrad leerzutreten, weil man sich verschaltet hat und die Kette nicht richtig umgesprungen ist, und für diese zwei Sekunden hatte ich tatsächlich Atemnot, was mir nur zeigte, dass ich davor keine gehabt hatte. Dann sprang etwas in meiner Lunge und meinem Kopf um, und ich konnte Luft holen, aber lieber hätte ich Wasser geholt. Ich dachte, dass ich dort unten nicht ertrunken wäre und es auch nicht würde, wenn ich gleich wieder hinabtauchte. Aus einer kleinen rationalen Ecke in mir sagte es noch einmal, dass ich entweder träumte oder in Gefahr war, weil Dinge passierten, die nicht passieren konnten, dass ich also vermutlich halluzinierte, aber es war mir ein wenig egal, und ich blieb nicht lange genug über Wasser, um mir klare Gedanken zu machen; man konnte sich hier ohnehin mit dem Verstand so gut zurechtfinden wie in London mit einer Straßenkarte von Paris. Ich machte mich lieber wieder auf den Weg dorthin, wo ich sein wollte, nach unten, zwischen die Pflanzen, und war fast so etwas wie glücklich, dass es ging, dass die Welt hier unten mich atmen ließ und ich dort sein konnte, ohne Mühe und ohne zu stören. Hier war das leicht, man musste nur vorsichtig und leise sein wie alles andere auch, und das konnte ich gut, offenbar zu gut für die Welt da draußen, aber für hier gerade richtig.
Ich fand meinen Platz zwischen den Blättern wieder und blieb dort. Ich sah den Fischen zu, und manchmal sah ich ein leises Leuchten vor mir oder unter mir, immer zu weit weg oder halb verdeckt, aber ich hatte Zeit, ich konnte auf sie warten. Ich war vorher schon müde gewesen, und vielleicht schlief ich dort ein.

Denn kaum später wurde es hell um mich herum, nicht mehr das matte Leuchten des Sees im Turm, sondern Dämmerung; und dann schnitt die Sonne durch das Wasser, als würde ich hoch oben in einem alten Dom unter dem Gewölbe schweben, während von draußen helles Licht in breiten Bahnen durch die Weihrauchschwaden fällt und sie zum Tanzen bringt. Der Wald um mich herum war mattgrün und blassbraun geworden, strahlend hellgrün, rostrot und fahlgelb; und in den Schuppen der Fische leuchteten Regenbogenfarben wie ein leises Echo der Lichter im See. Ich schwamm zu einem der Fenster und sah hinaus in die verschwommene Welt da draußen. Jenseits der Mauer um den Turm schoss ein schneller Strom undeutlicher schwarzer, silberner und roter Flecken auf seinem grauen Bett dahin, ein dünner Schleier rauchig weißer Gischt lag darüber, und ich dachte entfernt an all die Leute, die darin zur Arbeit getrieben wurden, aber es ging mich wenig an, und ich hielt Ausschau nach etwas Erfreulicherem. Wenn ich dichter ans Fenster heran schwamm, konnte ich unten am Turm undeutlich einige hohe Herbstbäume in der Sonne leuchten sehen, aber ich hatte Angst, dass man von außen die Bewegung hinter der Scheibe sehen konnte, und ließ mich wieder zurücktreiben und absinken. Ich sah dem blauen Herbsthimmel zu, wie er hinter roten Ziegeln verschwand und in der nächsten Fensterreihe wieder auftauchte, sank noch tiefer, und als ich im Schatten der hohen Mauer draußen war, suchte ich mir einen Platz zwischen den Pflanzen und war bald wieder eingeschlafen.

Ich blieb dort. Ich lernte zu schwimmen, ohne dass Wasser und Pflanzen um mich herum in Bewegung gerieten, mit angelegten Armen und kleinen langsamen Bewegungen. Ich fühlte das Wasser auf Wegen durch meinen Körper fließen, die es vorher vielleicht nicht gegeben hatte; Durst oder Hunger hatte ich keinen. An schönen Tagen sah ich dem Sonnenlicht zu, wie es durchs Wasser glitt und sein täglicher Bogen langsam flacher wurde, während die Tiefen des Turms im Dämmer blieben; und in hellen Nächten dem Mond, der seinerseits höher stieg und steilere Bahnen weißen Lichts tiefer in die Wassersäule warf. Das war am schönsten. In solchen Nächten war alles Silber oder Schwarz, der Raum schien sich aufzulösen, es gab nur Kanten und Umrisse, und dazwischen tanzten manchmal die Lichter, die hier unten wohnten. Je länger ich blieb, desto näher kamen sie mir, ich sah sie aus den Augenwinkeln nicht weit entfernt von mir schweben und manchmal glaubte ich, dass sie so etwas wie einen Körper hatten, aber immer, wenn ich versuchte, eines davon wirklich anzusehen, huschte es davon, versank oder verging im Dunkeln. Ich trieb stundenlang fast regungslos zwischen den Stengeln, wie ich es von den Fischen gelernt hatte, und wartete darauf, dass eines von ihnen sich von mir sehen ließ.
Und dann gab es die Regentage und die mondlosen Nächte, in denen das Wasser außen an den Scheiben herablief, auf dem Dach trommelte und draußen an den Wänden herabströmte, und alles Dunkelheit war, selbst das Wasser im Turm verlor beinahe sein Leuchten, und es kein Außen und kein Innen mehr zu geben schien, als könne ich durch die Scheiben, über die Dächer und aus der Stadt heraus schwimmen, die nicht mehr meine war. Dann wünschte ich mir manchmal, ich könnte es; es waren die einzigen Zeiten, in denen ich an Draußen dachte, aber nicht an die Straßen, das Haus, in dem ich wohnte oder die Dinge, die ich hätte tun sollen, statt hier die Zeit vergehen zu lassen, sondern an Luft, in der man schwimmen kann, und an Wind. Dann trieb ich näher an der Oberfläche und machte ein paar Wellen oder schnellte aus dem Wasser, wie es die Fische manchmal taten, bevor ich mich etwas sinken ließ und in der Nähe eines der oberen Fenster verharrte.
In einer dieser Nächte glaubte ich zu spüren, dass sie zu mir kam und mich umfing, ich spürte ihre Hände auf meinem Rücken und hielt sie fest, über den Straßen dort unten; aber währenddessen dachte ich, dass ich es wahrscheinlich nur träumte, obwohl ich mir wie sonst nichts auf der Welt wünschte, es wäre nicht so; und als ich später wach wurde und es draußen trüber Morgen geworden war, war ich weiter nach unten abgetrieben und hatte mich in einer Pflanze verfangen.

Danach war ich nicht mehr oft an den Fenstern, sie machten mich irgendwie traurig. Die Zeit verging, und ich schwamm mehr im tiefsten Teil des Turms, vor dem ich am Anfang eine Scheu gespürt hatte; dort unten schien man alles so leicht stören zu können, und dort wohnten die Lichter, die ich nicht vertreiben wollte; eins von ihnen in Mitleidenschaft zu ziehen, wäre schlimm gewesen. Noch immer wartete ich auf sie als eine Art Signal; ich hatte nicht mehr wirklich vor, den Turm zu verlassen, aber ich würde es jedenfalls nicht tun, bevor ich wusste, was sie waren. Und je stiller ich sein konnte, je ruhiger ich im Wasser lag, desto tiefer konnte ich mich hinabsinken lassen, bis ich knapp über dem feinen Schlick am Boden des Turms trieb, ohne ihn aufzuwirbeln. Ich wusste nicht, wie tief dieser staubfeine Schlamm noch war, in dem die großen Pflanzen ihre Wurzeln hatten. Manchmal schien sich darin etwas zu bewegen, ein gutes Stück unter der Oberfläche, auf der dann Rinnen und kleine Krater entstanden, bevor sie sich langsam, mit den schwachen Bewegungen des Wassers hier unten, wieder zusetzten und einebneten. Was auch immer da unten lebte, musste relativ groß sein; ich hatte kein Verlangen, es herauszufinden. Aber hier, direkt über dem Schlick, tanzten die meisten Lichter, wenn sie es taten. In langen Nächten und an trüben Tagen lernte ich, sie anzusehen, ohne sie mit dem Blick festhalten zu müssen, was sie offenbar verjagte. Sie schienen reines Licht zu sein, wenn sie jung waren, oder so erklärte ich es mir; kleine flackernde Punkte mit kaum zu ahnenden Farben wie Sterne; dann dehnten sie sich langsam und manchmal schnell aus und wuchsen, sie bekamen Konturen, die sich verästeln und verzweigen konnten und wachsen wie Pflanzen, bis sie mich manchmal an Seepferdchen erinnerten und manchmal an Seedrachen, Fetzenfische; manche schienen gewundene Schneckenhäuser mit Stacheln und Dornen daran zu entwickeln, oder vielleicht machten sich auch nur meine Augen einen Reim auf etwas, was sie noch nie gesehen hatten. Und sie leuchteten jedes in seinem eigenen Licht. Sie waren dann wunderschön, das Schönste, was ich je gesehen hatte. Mit der Zeit dämpften sie sich etwas ab, als würde ihr Leuchten von einer festen Oberfläche gefiltert, und zu diesem Zeitpunkt hatten sie die schönste Farbe, manche schienen Muster zu haben, Punkte und dünne Linien, die in kleinen dunklen Spiralen um das Helle liefen. Und manchmal sah ich, wie aus einer solchen Hülle wieder ein reines Licht hervorkam, mal schnell, als wäre es auf der Flucht, mal langsam und schwebend und ein wenig zögernd. Dann tanzte das Licht blinkend davon, während seine alte Haut oder sein Haus, immer noch leuchtend, nach unten trudelte, einen Moment auf der Oberfläche des Schlicks ruhte und dann ganz langsam darin versank. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass der Schlick mit diesen alten Häusern durchsetzt war, vielleicht sogar zu einem guten Teil aus ihnen bestand, und deswegen selber ein mattes Restleuchten hatte, wie das letzte Licht von schwachen Sternen, das den Turm noch immer ein wenig heller machte als die Nacht, wenn alle Lichter verschwanden und dunkel blieben.
Ich wartete lange und lag still und sah ihnen zu, wie sie geboren wurden und wieder geboren wurden und ihre alten Leben sich am Boden des Turms begruben. Wenn ich zwischen den dicken Pflanzenstengeln und den feinen Schleiern aus Algen hindurch sah, wie eine Schale fiel, sich noch ein paar mal schimmernd im Wasser drehte und dann nicht weit von mir in den Schlamm eintauchte, wünschte ich mir, sie auffangen zu können, bevor sie weg war; sie waren wie ein Abdruck von Licht in etwas Festem, und ich hätte gern eine davon bei mir getragen. Aber sie waren immer zu weit weg, und ich konnte die Ruhe hier unten nicht durch ein hastiges Losschwimmen und Greifen nach etwas stören, ich hätte mich vor mir selbst geschämt und vor all den Wesen hier unten und auch vor ihr, sie musste ja noch irgendwo sein und ich glaube, dass sie sehr genau wusste, was in ihrem Turm vorging, in jedem Winkel des Unterwasserwaldes, und jeden Fisch persönlich kannte; ich denke, sie kannte auch die kleinen Drachen aus Licht so, wie man selber vielleicht andere Menschen kennt, wenn man Glück hat und wirklich gut mit jemandem befreundet ist oder ihn auch nur wirklich sieht und ihn liebt, ohne ihn haben zu müssen.
Ich blieb wo ich war, und ich schaute.

Ganz langsam wurde es wieder heller weiter oben im Turm, von Tag zu Tag ein wenig mehr, und auch hier unten, obwohl die Sonnenstrahlen wohl nie so weit nach unten drangen. Das Licht erinnerte mich an die Fenster, durch die ich einmal gesehen hatte, und als meine Erinnerung so weit hochgestiegen war, kletterte sie noch weiter an der Mauer entlang nach oben, bis zu der Plattform aus Holz und dem Raum unter dem Kegeldach; aber ich blieb noch immer hier unten liegen. Ich war besser darin geworden, das kleine Flackern zu sehen, auch wenn von oben Helligkeit herab drang, und was sie auch genau waren, sie schienen sich nicht mehr an mir zu stören. Ein kleines bläuliches Licht hüpfte über mir zwischen den Blättern, kam noch etwas näher, und dann schoss es davon und sein Schneckenhaus fiel unendlich langsam an mir vorbei, langsam sich drehend, mit einem sanften Schein, gerade außerhalb meiner Reichweite, und ich schlug mit den Beinen und versuchte es zu fangen. Alles schien sehr langsam abzulaufen, wie die Zeitlupe eines Einschlags von irgendetwas in irgendwas; um mich bogen sich die Pflanzen, Lichter und kleine Fische stoben davon, der Schlick wirbelte hoch und verschluckte die kleine schimmernde Spirale, und ich tauchte ihr nach; ich versank in etwas allzu Weichem, allzu Schleimigen, gleichzeitig kratzte es an meiner Haut; ich sah nicht mehr viel, aber ich verlor das Blau vor mir nicht aus den Augen, und ich streckte den Arm aus, so weit ich konnte, aber etwas schien ihn an meinem Körper zu halten, ich sah meine Hand nicht und musste noch näher heran, um die fehlende Reichweite auszugleichen. Dann schlossen sich meine Finger um das Haus. Und gleichzeitig teilte sich der Schlamm von unten, mir kam etwas entgegen, das mit dem Wälzen seines großen Körpers die Schlickschicht über sich zum Einsturz brachte, ich sah etwas wie einen großen Molch, mit ledriger brauner Haut voller Algen und mit kurzen Beinstummeln, größer als ich und mit traurigen Menschenaugen über dem breiten Amphibienmaul. In den Kiemenbüscheln hatten sich Pflanzenfetzen und kleine Steine verfangen.
Und ich weiß nicht, warum, aber ich erschrak aus dem tiefsten Bauch heraus, wie ich noch nie erschrocken war, ich glaube, ich schrie, obwohl ich nicht weiß, ob die Luftblasen vor meinem Mund von mir stammten oder aus dem aufgewühlten Schlamm aufstiegen; und ich warf mich im Wasser herum und schwamm, nach oben, oder versuchte es, aber ich hatte vergessen, wie man hier unten schwimmen musste, das hektische Beineschlagen brachte mich nicht von der Stelle. Ich strampelte und trat, bis ich eine Pflanze zu fassen bekam und mich an ihr hochzog; sie gab nach, aber ich zog mich an ihr aus dem Schlamm und rutschte an ihrem Stamm nach oben wie eine Wasserschnecke, und ich glaube, ich schrie noch immer. Als ich die Schlickwirbel hinter mir gelassen hatte, ging es besser, ich stieß mich ab und stieg auf, langsam, viel zu langsam für die nackte Angst in meinem Rücken, aber ich sah mich nicht um, ich konnte den Kopf auch nicht drehen. Dann glitt ich in den ersten Sonnenstreifen, der durch ein der großen Fenster fiel, dann durch den Schatten und wieder ins Licht, viel zu langsam, und ich sah nichts mehr, es gleiste und blendete mich, und noch immer hatte ich panische Angst vor dem unter mir, was ich nicht sehen konnte. Der Wasserpflanzenwald lichtete sich, dann war ich über seinen Kronen, um mich zu helles Wasser voller brennendem Sonnenschein und über mir die Oberfläche, und ich nahm Anlauf und hielt so schnell ich schwimmen konnte auf den Rand des Sims zu, der über mir auftauchte, denn wenn ich zögerte, wenn ich auch nur einen Lidschlag lang die Augen schloss und überlegte, ob ich in der Luft noch überleben könnte, würde ich mich nicht aus dem Wasser heraus wagen, ebenso wenig wie darin zu bleiben, und dann wäre ich gefangen in der Angst und könnte weder vor noch zurück. Ich wollte meine freie Hand nach dem Balken am Rand des Sims ausstrecken, der von hier unten viel höher aussah; aber meine Arme schienen steif, wie mit meinem Körper verwachsen, ich bekam sie nicht nach vorne und prallte schmerzhaft gegen das Holz. Im Wegtrudeln wollte ich nach unten sehen, was mit meinen Händen war, warum sie mir nicht gehorchten, aber ich konnte sie nicht sehen, sie kamen nicht weit genug nach vorne und ich konnte den Kopf nicht beugen, obwohl ich mit meinen geblendeten Augen an meinem Körper entlang schielen konnte, wenn ich sie so weit verdrehte, dass es fast schon weh tat. Ich sah nur, dass meine Haut im Wasser silbrig zu glänzen schien, mit einem grünbräunlichen Unterton. Und egal was ich machte, ich bekam den Balken vor mir nicht zu fassen, und als ich mit der Seite an ihn heran schwamm, damit meine Hand an ihrem verschwundenen Arm ihn zu greifen bekäme, glitt sie mit einem leisen Wischen an seiner Seite ab, die mir mindestens kniehoch aus dem Wasser zu ragen schien, und ich konnte mich nicht mehr über die Oberfläche erheben wie ein Schwimmer. Die Verzweiflung begann mich zu würgen, ich nahm Anlauf und sprang, warf meinen ganzen Körper aus dem Wasser und nach vorn auf die Plattform, streifte mit der Seite den Balken, landete mit einem Platschen auf den Dielen und rutschte auf dem Wasser, das überall aus mir herauszustürzen schien, und ich hoffte, dass es kein Blut war, auf die Tür zu. Gleichzeitig mit dem Schmerz kam die Atemnot. Ich versuchte, auf die Knie zu kommen, mich mit den Händen abzustützen, aber ich rutschte immer wieder weg; an meinem Hals schmerzte etwas mit jedem versuchtem Atemzug wie eine offene Wunde, und in mir begann es zu brennen, und als mir schwindlig wurde und die Luft um mich dunkler zu werden schien, während ich hilflos auf den Planken rutschte, dachte ich, dass ich gerade starb, und ich muss vor Verzweiflung zu weinen angefangen haben, denn mit einem Schluchzen nach innen hatte ich plötzlich ein wenig Luft in den zugeschwollenen Lungen, zu wenig, viel zu wenig. Mit winzigen quälenden pfeifenden Atemzügen schlitterte und wand ich mich auf die Tür zu, die über mir in die Höhe wuchs, der Griff unerreichbar weit oben. Die Wände bogen sich und schienen sich über mich zu beugen. Mir wurde schwarz vor Augen, als ich mich auf etwas hochstemmte, was nicht meine Knie waren, und versuchte, den Türgriff zu erreichen, aber noch immer konnte ich die Arme nicht strecken und nicht sehen, was mit meinen Händen war; ich fiel mit dem Oberkörper und dem Kopf gegen die Stahlfläche, aber sie hatte die Wahrheit gesagt: Die Tür ging von innen auf, ich fiel auf den Absatz hinaus, konnte mich nicht halten und rutschte über die Kante und die Treppe hinab. Ich hatte keine Beine, um zu gehen und keine Hände, um mich zu halten, ich konnte mich nur noch einmal abstoßen und weiter hinunterstürzen, besser nach vorne als nach hinten, wo die Lücken zwischen den Stufen sehr groß geworden zu sein schienen, ich hätte durchrutschen können und dann fallen, fallen, bis ich viel weiter unten auf die Kanten des nächsten Treppenabschnitts geprallt wäre. Ich schlitterte auf den ersten Absatz und auf die Ziegelwand zu, und mein Körper zog den Kopf ein und streckte die Arme vor, um den Aufprall abzufangen, und es ging. Ich kam dort zu liegen, eine lappenartige Hand schützend über den Kopf gelegt, und sah die silbrige Haut des verwachsenen Arms an, und ich öffnete und schloss ein paar Mal lautlos schnappend den Mund, bevor ich mich übergab und eine Menge Schleim aus mir herausbrach.
Dann saß ich zusammengekauert mit dem Rücken zur Wand und zitterte. Der Turm schien sich in alle Richtungen viel weiter zu dehnen als beim Hochgehen, alles wölbte sich von mir weg. Ich konnte noch immer kaum atmen, der Schwindel und die tanzenden Flecken waren ein Teil der Luft um mich herum. Es war kalt hier draußen, die Kälte kroch in meinen nassen Körper wie Metall, und obwohl hier nur die Glühbirnen in ihren alten Fassungen brannten, blendete mich ihr Licht. Ich sah meinen Körper nicht an, obwohl ich es jetzt wohl gekonnt hätte, konnte ich es nicht, ich wollte es nicht wissen; ich musste es nur die vielen Treppen hinunter schaffen und raus, bevor ich erfror. Es waren beim Hochgehen so viele Treppen gewesen. Ich ließ mich auf den Boden rutschen und kroch weiter. Meine Beine und Arme glitten immer wieder unter mir weg, aber ich konnte auf allen Vieren vorwärtskommen und rückwärts über die Stufen nach unten rutschen, auch wenn sich jede Bewegung anfühlte wie aus zähem Blei. Ich musste daran denken, wie wir als Kinder versucht hatten, auf Händen und Knien vorwärts die Treppe hinunter zu kommen, unter Gekicher und Geschrei, und die Erinnerung brachte mich durch die nächsten Wellen von Schmerz und Angst und einen Absatz weiter nach unten. Ich kroch und sah nicht nach hinten oder nach unten und zählte die Stufen und vergaß zu zählen, irgendwann verschwanden die Flecken vor meinen Augen, und ich atmete wieder von selbst, ohne mich dazu zu zwingen, aber noch immer wie durch eine von Entzündungen verklebte und verschwollene Lunge; die Kälte wurde so schlimm, dass sich meine Hände zu Klumpen verkrampften und ich auf den Knöcheln weiterschlitterte, bis ich eine Strebe des Geländers zu fassen bekam und nochmal versuchte, mich aufzurichten. Es ging, beinahe, ich erreichte den Handlauf und stützte meinen Oberkörper darauf ab, klammerte mich mit der freien Hand  fest und schob mich weiter und setzte meine schwachen zu kurzen Beine vorsichtig von Stufe zu Stufe. Die Lampen schienen nicht mehr so hell, ich wusste nicht, ob meine Augen sich erholten oder der Sauerstoffmangel schlimmer wurde, aber ich ging weiter, man konnte es fast gehen nennen, auch wenn ich jeden Schritt einzeln suchte. Mein eigenes Gewicht auf dem schmalen Holzlauf presste immer wieder noch ein wenig Schleim aus mir heraus, meine Haut scheuerte wund auf dem rauen Holz, und ich hatte Angst, dass das alte Geländer nachgeben und mich stürzen lassen würde, aber ich konnte beinahe wieder atmen. Ich konnte atmen.
Meine Füße landeten auf Steinboden, ich ließ das Geländer los und fiel mit dem Rücken gegen die Tür nach außen, und auch sie gab nach, ich stolperte ein paar taumelnde Schritte weit vom Turm weg, soweit mich mein eigener Schwung trug, und fiel ins Gestrüpp, das mich auffing und böse kratzend auf den Boden gleiten ließ.

Ich dachte an eine Geschichte, die ich einmal gehört hatte, über einen Mann, der im Laufen geköpft wurde und danach noch ein paar Meter weiterlief, während sein Kopf schon auf dem Boden lag und sich selbst nachsah.

:-:-:

Aber ich war in der Sonne zu liegen gekommen, und obwohl ich meine Augen schließen musste vor dem gleißenden Licht und hinter den geschlossenen Lidern ein Meer von Rot flutete, das immer noch zu hell war, war es gut, hier zu liegen. Die Wärme tanzte anfangs nur unentschlossen um meinen Körper herum wie ein Schwarm freundlicher Mücken, aber dann fing sie zu stechen an, ein eigenartiger Schmerz löste den kalten, klammen ab; es fühlte sich an wie Nesseln, und er schien etwas in sich aufzulösen. Die Wärme kroch tiefer wie ein kleines Tier in einem Haufen nassen Schnees, es schüttelte mich ab und zu, oder etwas an mir zuckte und streckte sich in einem kleinen Krampf, der wieder verging, und das Brennen wanderte in mir herum. Ich lag und atmete und roch das Gras vor meinem Gesicht.
Dann glitt ein Schatten über mich. Ich öffnete die Augen einen Spaltbreit und sah, wie sie sich neben mich setzte und meine Kleidung, sorgfältig gefaltet, vor sich auf den Boden legte. Ich versuchte zu sprechen, es klang eher wie ein Gurgeln: „Tut mir leid … ich hab so viel ­…“ – „Pssst, schon gut“ sagte sie. „Bleib besser liegen, bis du wieder trocken bist.“ Ich schloss die Augen wieder und meinte zu spüren, dass sie mich prüfend ansah. Sie berührte vorsichtig meinen einen Arm, etwas löste sich darin mit einem leisen Schmatzen, und ich konnte ihn wieder ganz ausstrecken.
Ich lag da eine ganze Weile, und sie wartete, während die Sonne weiterwanderte und langsam meine Haut trocknete. In mir schienen viele kleine Höhlungen sich zu leeren, Organe und Kochen rutschten an ihren Platz zurück, Muskeln erinnerten sich an ihre alten Bewegungen, und sie saß neben mir. Irgendwann öffnete ich die Lider und stellte fest, dass die Bäume wieder gerade waren und sich nicht mehr von mir wegbogen. Ich hob die Hand vors Gesicht, um mir die Sonne aus den Augen zu halten. Es sah aus wie eine Hand. Langsam spürte ich auch, dass eine Brombeerranke wohl schon die ganze Zeit ihre Dornen in meinen Rücken bohrte, aber ich konnte atmen, und ich fror etwas weniger. Ich räusperte mich ein paar Mal, und als ich das Gefühl hatte, wieder sprechen zu können, fragte ich sie zum ersten Mal etwas, das einzige, was mir den Kopf kam, „Warum bin ich da drin nicht ertrunken?“
„Na ja“, sagte sie, „es sind Tränen, in denen ertrinkt man nicht. – Obwohl“, sie sah weg dabei, erst zu Boden, dann zum Turm, „man kann wohl darin verloren gehen. – Aber sie wissen den Weg! Du hast ihn ja auch noch gewusst –“ Es klang etwas trotzig. Ich setzte mich auf, ich hätte sie gern am Arm berührt und gesagt, dass es meine Entscheidung gewesen war, niemand hatte mich geschubst oder gezogen und die anderen sicher auch nicht. Und ja, ich war wieder hier draußen und wäre fast umgekommen auf dem Weg, und so gut es war, hier zwischen dem Gestrüpp in der Sonne zu sitzen, ich war mir gerade gar nicht sicher, ob es das irgendwie wert sein würde, auf der anderen Seite dieser Mauer in derselben alten Stadt und demselben alten Leben, das darauf wartete, mich kleinzufalten, bis ich wieder ganz in es hineinpasste. Aber das schien eine lange Rede für meinen verschwollenen Hals, ich blieb nur neben ihr sitzen, und irgendwann sprach sie weiter, die Handflächen zusammengelegt und die Finger mit der schimmernden Haut dazwischen an den Lippen, „Es ist nicht ganz einfach, es geht immer etwas Wasser verloren, und es kommt auch darauf an, warum jemand weint, und wer … wenn es zu schlimm ist …“ Sie ließ die Hände fallen, sah mich an mit ihrem schiefen Lächeln, sagte noch einmal „na ja“ und schien weggehen zu wollen. „Warte“, sagte ich im Aufstehen, „wo kriegt man denn –“, die Frage kam mir dumm vor, ich kam mir dumm vor, aber ich wusste nicht, wie es sonst sagen sollte, „wo krieg ich denn solche Phiolen? Und wie findet man dich?“ Das war ganz falsch gesagt. Ich bot ihr nicht meine Hilfe an. Ich glaube nicht, dass sie die brauchte oder dass ich allein wieder gutmachen konnte, was ich in Unordnung gebracht und an Wasser mit mir genommen hatte. Ich wollte nur, dass es diese Welt gab, in der ich eine Zeit lang hatte bleiben können, und ich wollte irgendwie ein Teil von ihr sein, und nicht ganz fort von hier, und von ihr und ihren Fischen und den Lichtern.
Sie zögerte kurz, mit etwas Hellem in den Augen. „Die Phiolen – die brauchst du nicht, du kannst auch ein altes Marmeladenglas nehmen, weißt du … M. ist nur einfach … sehr stilbewusst …“ und sie lachte mich zum ersten Mal wirklich an. Wir standen in der Sonne, meine Kleidung lag neben mir auf dem Boden, und sie betrachtete mich langsam von unten nach oben, und wenn mir vorher noch irgendwie kalt gewesen war, war mir jetzt sehr warm. Sie kam einen Schritt näher und berührte mich am Hals, dort, wo ich eine Öffnung spürte und die Luft zwischen Hautlappen schmerzte, und etwas zog sich zusammen und schloss sich. „Und du musst mich nicht finden, ich finde dich“, sagte sie, strich mir leicht über die Schulter und ging dann zurück und verschwand im Dickicht um den Turm. Ich hörte, wie die Tür sich schloss. Ich hatte noch immer meine eine Hand um die kleine Lichtschale geballt. Ich öffnete vorsichtig die Finger, und sie schimmerte zwischen ihnen, im Sonnenlicht um mich herum, wie in einem dunklen See.

Marmeladengläser waren mir dann auch zu stillos. Ich fand auf dem Flohmarkt alte Apothekerröhrchen aus mattem Glas mit schlichten metallenen Schraubdeckeln; sie scheinen mir ganz passend. Aber man hat nicht immer etwas zu weinen. Manchmal winken wir uns auch nur im Vorbeigehen zu.
Wenn mich jemand nach den beiden Narben an meinem Hals fragt und nach der Zeit, die ich weg war, erzähle ich etwas von einem Verkehrsunfall, der langen Reha und einer Verkettung von Fehlern in Kommunikationssystemen. Es ist unfassbar, was die Leute einem glauben, solange nur die Einzelheiten gewöhnlich genug sind.

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