Aus gegebenem Anlass: Randbemerkung zu Kino und Politik

Ins Kino gehen oder allgemeiner, einen Film anschauen, warum macht man das? Man kann sich natürlich angenehm berieseln lassen, dagegen spricht nichts; man kann sich Gefühle abholen oder im Gegenteil loswerden und per Proxy ausleben lassen, die ansonsten zu kurz kommen, Rachsucht, Liebe, was weiß ich, wovon man halt gerade zu viel oder zu wenig hat und was man im eigenen Leben gerade nicht so gut unterbringt. Soweit ich mich erinnere, hat das was mit dem Begriff der Katharsis zu tun, funktioniert schon ein paar tausend Jahre ganz gut, egal, wir wollen hier nicht bildungsbürgerhafter werden, als wir es sowieso schon sind, pfui.

Man könnte natürlich auch meinen, so ein Film sei in vielen Fällen außerdem eine ganz gute (und auch so schön niedrigschwellige!) Gelegenheit, mit einer Welt jenseits der eigenen Befindlichkeiten in Kontakt zu kommen. Man traut sich ja kaum „nachdenken“ sagen, „zum Nachdenken anregen“ ist eine grauenhafte Formulierung, wenn etwas schon „zum Nachdenken anregen“ soll, kann es prinzipiell ohne mich stattfinden, dankeschön; diese erstaunlicherweise immer noch gängige, gründlich anmaßende Beipackbezettelung legt nahe, dass man es ohne die väterliche Hilfe der betreffenden Kulturschaffenden nie bis zum Nachdenken bringen würde und, selbst wenn es versehentlich dazu kommen sollte, aus eigenen freien Stücken bestenfalls über die falschen, ganz unwichtigen Dinge nachdächte, da braucht es schon ein wenig Geschubse von berufener und berufshalber besonders gut und tief nachdenkender Seite; und wer sich in dieser Rolle sieht, soll das meinethalben, aber ich behalte mir vor, entsprechenden Kulturergüssen wenn möglich auszuweichen. Nichtsdestotrotz. Die meisten noch so emotionalen Dinge funktionieren besser und man hat mehr davon, wenn auch das Hirn mitmacht. Das gilt für fast alles, für Liebe und Streit wie für Bücher und Filme. Und sei es nur in einigermaßen trockener Anschauung anderer Denkweisen. Seis die reine Feststellung, wie anders man denken und die Welt sehen kann, ohne bekloppt zu sein oder zwangsläufig falsch zu liegen, weil „anders“ nicht „falsch“ oder „schlechter“ heißt, sonst bräuchte man auch keine verschiedenen Wörter dafür. Aber allein für diese Feststellung braucht es schon mehr als nur Emotionen, Emotionen.

Und wie dringend sollte das erst für die Politik gelten. Für die Verwaltung der, soweit erkennbar, realen Welt, für den Umgang mit konkreten Menschenleben, die nicht das eigene sind. Nirgendwo sonst wäre es so wichtig, über die eigenen persönlichen Befindlichkeiten hinauszusehen und das Hirn eingeschaltet zu lassen angesichts anderer Denkweisen, Lebensweisen, Wirklichkeiten. Denn schließlich hat man vor, ja hat man zum Beruf, diese Wirklichkeiten zu beeinflussen, nicht nur die eigene, auch die anderer Leute. Es wäre dann vielleicht ganz gut, zuerstmal verstanden zu haben, dass nicht nur die eigene Wirklichkeit wirklich und wichtig ist. Dass, platt augedrückt, andere Leute keine Pappfiguren im Schuhkartondiorama der eigenen Welt sind, sondern eigene Welten.
Das Kino, Fiktion allgemein,[1] natürlich auch der Dokumentarfilm, sind da eine gute Trainingswiese, oder können es sein.

Aber während der Münchner Kulturreferent sich über den derzeitigen Landeskleinkönig, der sich, scheints, vorgenommen hat, „größer zu denken“ und drum das hiesige Filmfest, quasi als sein persönliches Neuneuschwanstein, mittels Millionengabe bis zum Ausstechen der Berliner Festivalkonkurrenz zu beflügen (inwiefern auch immer Kulturveranstaltungen an entgegengesetzten Enden der Republik eigentlich miteinander in Konkurrenz stehen sollten, außer im Kronjuwelendenken von Erblandesfürsten, nicht zu verwechseln mit für ihr derzeitiges Amt überhaupt gewählten Politikern) — während sich also der hiesige Kulturreferent über den landesväterlichen Wohltäter mit den Worten äußert,[2] er „wäre angesichts der politischen Lage froh, wenn nicht größer, sondern überhaupt gedacht“ würde, sagt der so Angesprochene mit all seinen Verantwortlichkeiten im derzeitigen, zunehmend identitär unterlegten Kurs gegen alles, was über den eigenen Befindlichkeitenhorizont hinausgeht, für ihn als „Cineasten“ sei so ein Filmfestival „pure Emotion“.
Ja. Passt. Leider.

 
 
 

[1]Neil Gaiman sagt hier unter anderem etwas dazu, warum Bücher in dieser Hinsicht noch mehr ausrichten können als Filme (auf Papier: Gaiman, Neil, „Why our future depends on libraries, reading and daydreaming. The reading agency lecture, 2013“, in: Ders. (New York 2016), The view from the cheap seats, S. 5–15, vgl. besonders S. 8). Aber man will ja nicht zu viel erwarten von beschäftigten Menschen, lesen, herrje, so ganz ohne rote Teppiche und Fotografen.

[2] Obacht, gleich beim Öffnen des hier referenzierten SZ-Artikels lacht dem Betrachter der bekanntere dieser beiden Herren entgegen.