Assoziationsverweigerung

Vor ein paar Tagen an der Isar südlich von München, als die Herbstsonne fleckenweise durch die Buchenblätter leuchtete, erinnerte ich mich an einen Wald-Kalender, den ich als Kind mal hatte. Ein Bild, das ich besonders mochte, zeigte grade solches Laub im Gegenlicht. Damals mochte ich das Bild wohl besonders, weil es mich an tatsächlichen Wald erinnert haben wird, wie es ihn zumindest bei Wanderungen und in kleinerem Maßstab ja sogar im eigenen Garten gab, und das Bild war die Bestätigung und eine Art Versprechen, dass es davon noch viel mehr und viel Größeres anderswo gab, wo man auch mal hinkommen würde, in einem glücklichen späteren mehr oder weniger erwachsenen Leben voller Wald und Wasser in jeder Form und Waldbodengeruch.
Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll, wenn mich jetzt tatsächlicher Wald – ein eher dünner Streifen davon, zwischen der Stadt und ihren Auslegern und ihren Zubringerstraßen eingeklemmt, aber trotzdem schön und zweifellos echt und groß genug, dass man manchmal nichts anderes sieht und hört als Wald und Fluss – wenn mich jetzt also trotz allem tatsächlicher Wald an ein Kalenderbild erinnert. Oder stimmt nicht, ich weiß sehr genau, was ich davon halte. Ich halte es für eine heimtückische, noch nicht einmal als solche klassifizierte Krankheit, wenn einen mehr und mehr von dem, was man sieht, vor allem an etwas schon Gesehenes erinnert, und schlimm genug, wenn es einen auf eine frühere Realinstanz von etwas Ähnlichem zurückwirft, noch schlimmer, wenn es ein bloßes Bild ist, ein dummes Foto, worin es sich auflöst.
Das muss auch überhaupt nicht so sein. Man kann das elende Sichimmernurerinnern und diese algorithmusdumme Mustererkennung glücklicherweise auch wieder verlernen, hatte ich in letzter Zeit festgestellt, ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, wie das genau ging. Ich glaube, es ist auch irgendwie Arbeit, sture Assoziationsverweigerung und Bäh-so-Nicht ans eigene Hirn.

Etwas später saß ich oberhalb des Flusses und saß da, nachdem die Brotzeit aufgegessen war, noch eine ziemliche Weile. Derweil kam unten ein Nordic Walker an, setzte sich auf einen Felsen am Ufer und zog dann erst kurz die Trinkflasche heraus und gleich drauf das Telefon. Zuerst ein Bild vom Fluss, dann musste was im Netz erledigt werden. So nach etwa fünf Minuten steckte er das Telefon in die Tasche. Er sah auf den Fluss, rieb sich das Kinn, sah sich um, rieb sich wieder das Kinn, rieb sich am Bein in der Nähe der Tasche, in der das Telefon steckte, und holte das Telefon wieder raus. Noch mal ungefähr fünf Minuten später steckte er das Telefon wieder weg, holte einen Apfel aus der Tasche, setzte seinen Rucksack wieder auf, nahm seine Stöcke in die apfellose Hand und ging weiter.

Nun ist es absolut müßig und wohlfeil, sich über den ausufernden Smartphone-Gebrauch anderer Leute zu mokieren, besonders, wenn man selber gar keines hat und das nicht mal aus Prinzip, sondern weils das alte Dummphon halt hartnäckig noch tut. Der Mann war außerdem zweifellos ein netter Mann, wir grüßten uns freundlich. Trotzdem und grade drum: Das Bild, das da am Anfang gemacht wurde, zeigte einen normalen, halbwegs naturnahen Fluss im Sonnenlicht, sicher hübsch, genau wie vermutlich drei Milliarden (wenns reicht) jederzeit abrufbare Bilder von Flüssen im Sonnenlicht. Der Rest war Onlinezeit. Von seinen zehn Minuten am Fluss saß der Mann vielleicht eine halbe nervöse Minute lang am Fluss, oder fing überhaupt erst an, am Fluss zu sitzen, denn wie ich bei dieser Gelegenheit auch feststellte: man kann sehr lang an einem Fluss sitzen, bevor man überhaupt mal anfängt, am Fluss zu sitzen und nicht irgendwo anders, gern an irgendeinem anderen Fluss, einem von vor zehn Jahren oder letzter Woche oder in irgendeinem Buch oder im Sherwood Forest, was ja auch nicht verkehrt ist, aber bis man wirklich mal am Fluss sitzt, das dauert, und wenns blöd läuft, sitzt man da dann auch nur sehr kurz, bevor man anfängt, im Kopf diesen Blogeintrag zu schreiben und schwupp, schon ist man selber nicht mehr am Fluss, sondern macht ein Bild und ist schon wieder im Netz, genau wie der Herr, der zu diesem Zeitpunkt vermutlich irgendwo weiter flussaufwärts seinen Apfel im Gehen aß.
Es ist eine Seuche. Da hilft nur üben und sitzen, sitzen, sitzen sitzen.

Und wie wärs damit: keine Bilder mehr verbreiten, die sich aufdringlich und ungebeten zwischen Leute und ihre Umgebung schieben, na gut, wenigstens weniger davon, nur wenns nötig oder irgendwie hilfreich ist und wenn man wirklich was zu zeigen hat, was andere sonst eher nicht sehen würden – ?[1] Man ballert sich gegenseitig mit Bildern zu, ja, man muss das ja auch irgendwie, das bleibt nicht aus und war früher eh auch schon so und kann grundsätzlich schön und gut sein, man braucht ja Bilder und Raster und Bilderkennung, es hilft ja nichts, oder andersrum, es hilft zweifellos zu wissen, was ein Fluss ist, wenn man an einem sitzt, schon um nicht reinzufallen und sich dann zu wundern, aber kann es sein, dass das ein klein wenig ausgeufert ist mittlerweile, ein kleines bisschen zu viele Bilder von allen und allem überall und ständig?

Drum, man verzeihe mir das Laub mit Sonne oben, immerhin steht hier nicht, wie es ansonsten entlang des Flusses so war oder aussah. Umgebende Landschaft? Bodenbeschaffenheit? Weitere Flora? Irgendwelche Fauna? Himmel? Tja. Aber es war schon schön da, gehnse gerne selber hin. Und vielleicht war das aber eh gelogen und in echt war ich an gar keinem Fluss, sondern an einem Bahngleis neben ein paar Mülltonnen, schwupp, anderes Bild, eher aus einem Film, Krimi oder so, oder?
 

:-:-:

 
Gestern hatte ich am Bahnhof zu tun, ich musste ein Ticket am Schalter lösen, weil es online nicht zu haben war, und da in dieser Stadt gerade eine kleinere Festivität stattfindet[2], wartet man schon mal eine gute halbe Stunde, bis man drankommt. Dank Nummernvergabe kann man derweil aber immerhin im Bahnhof herumspazieren und schauen, ob es irgendwas zu schauen gibt. Erstaunlich wenig, wie mir schien. Das Publikum in der Bahnhofsgastronomie war irgendwie fast bedenklich wohlsortiert und vorhersehbar verteilt, die rustikal angetrachteten Herrschaften saßen brav im mehr oder weniger traditionell bayrisch bewirteten Bereich, während bei der Wok-Küche die Rucksacktouristen aßen und beim Bäcker die stadttypisch einheitlich-unauffällig angezogenen[3] Büromenschen anstanden, man könnte schier Lust bekommen, auf dem nächsten Heimweg vom Büro in der guten Blümchenflickenhose am Bahnhof Schweinshaxe essen zu gehen, nur so aus Trotz, wäre das preislich wie kulinarisch irgendwie vertretbar.

Am Durchgang zu den Gleisen stand derweil jemand und fotografierte ein eben erstandenes Bahnhof-Wok-Irgendwas-To-Go. Vielleicht war es ja wirklich ganz besonders schön oder irgendwie seltsam angerichtet, oder das Bild war zur eigenen Erinnerung oder für den Reisebericht für die engsten Freunde gedacht, vielleicht hat da auch jemand ein Projekt, über die Jahre sämtliche eingenommenen Bahnhofsmahlzeiten zu dokumentieren, was irgendwie wieder interessant sein könnte; man verfällt bei einem solchen Anblick auch zu leicht in vorgefertigte, ja, eben.
 
 
 
 
 

[1]In letzter Zeit habe ich Sightlines von Kathleen Jamie gelesen. Nichts als Bilder, und wie; aber das ist wie Mitgenommenwerden dahin, wo man selber grade oder sowieso nicht hin kann. Oder könnte, gäbe es das Buch nicht. Ich glaube, das ist ein Unterschied.

[2]Tatsächlich. Es kommt mir nach all dem monatelangen Auf-, Hin- und Herumbauen irgendwie unglaubwürdig vor, aber jetzt wird da tatsächlich gerade kurz mal nicht gebaut, sondern gefeiert oder so was. Was daran immerhin schön ist, wenn schon sonst nicht sehr viel: Der Geruch nach gebrannten Mandeln und Magenbrot und Steckerlfisch, der je nach Windrichtung und Entfernung durch die Straßen zieht, besonders bei besucherzahlabschwächend grauem Wetter und entsprechender Reduktion der üblicherweise prominenten olfaktorischen Behelligungen.

[3]Ich hatte zuerst „gewandeten“ geschrieben, weil ich das Wort mag, aber es wäre maßlos übertrieben. Teilweise könnte man von „gekleidet“ sprechen.