Protokoll der Konferenz der Territorialvorstände zur Frage der Energieversorgung durch das Kraftwerk Kablomm, 23.25.54×14/5a

Eröffnende Eingabe des sitzungsleitenden Sekretärs (Interterritorialer Orden der gelben Schärpe, erster Rang):

»Darf ich um Ruhe bitten. – Das gilt auch für die Herrschaften von der Übertragung.«

[Bis hierhin hat die Aufzeichnung wild gewackelt, während im Hintergrund halb unterdrückte Stimmen unverständlich diskutieren. Nun verstummt das Gemurmel, das unscharfe Hologramm steht still und fokussiert schließlich das ernste Gesicht des jungen Sekretärs.]

»– Verhandelt wird die Frage der Energieversorgung in den Territorien Ürseits und Nee-Ir durch die Fusionsanlage Kablomm.« [Im Hintergrund ist ein Zwischenruf zu hören.] »Beziehungsweise deren Rückbau.« [Unwilliges Gemurmel von der anderen Seite.]

Der Chronist erlaubt sich, die im Weiteren festgehaltenen Vorgänge zur größeren Konvenienz des Lesers zusammenzufassen:

Als erster Punkt der Tagesordnung erfolgt die Stellungnahme der Versorgungsbeauftragten von Ürseits [seriöse Miene, ordentlich nach hinten gekämmte Haare], die zunächst die bekannten Vorzüge der Kernfusion hervorhebt. Sie weist auf die praktisch unbegrenzte Menge nutzbarer Energie hin, die der Infrastruktur beider Territorien zugute käme, wird aber schon hier von ihrem Fachkollegen aus Nee-Ir unterbrochen [eifriges Gesicht, lebhafte Gestik]:

Im Gegensatz zu gewissen anderen, wissenschaftlich trägen Territorien habe man in Nee-Ir schon vor Jahren massiv in die neue Phytonentechnik investiert, außerdem den Energieverbrauch weiter gedrosselt, man sei de facto autark und habe überhaupt keine Verwendung für all den Fusionsstrom, der blockiere nur noch die Speicherwolken. Es sei nicht hinnehmbar, dass man dennoch weiterhin mit der Umweltbelastung leben müsse, die die geschätzten Nachbarn mit ihrem halsstarrigen Festhalten an einer überkommenen Steinzeittechnologie verursachten.

Die Versorgungsbeauftragte von Ürseits fragt süffisant nach, was »de facto autark« genau bedeute und ob diese Formulierung etwa mit dem Zwischenfall im Vorjahr zu tun habe, bei dem die Nee-Iren bekanntlich dankbar auf das Angebot der Nachbarn zurückgekommen seien, mit ürseitigem Notstrom die öffentlichen Systeme am Laufen zu halten?
Nee-ir kontert, nur die Überlastung des gemeinsamen Netzes durch eine unkontrollierte kablommsche Spannungsspitze habe überhaupt zu diesem Ausfall geführt [Hüsteln im Hintergrund] und wieso man eigentlich immer noch auf den Bericht der Untersuchungskommission zu eben diesem Zwischenfall zu warten habe?

Ürseits stuft diese Frage offenbar als rein rhetorisch ein und kehrt geschwind zum vorbereiteten Redeskript zurück.

Dessen nächster Punkt widmet sich, obwohl allen Seiten sattsam bekannt, den seit jeher getroffenen Maßnahmen zur Lagerung, Dekontaminierung und Wiederaufbereitung verbrauchter Hüllenbauteile des Kraftwerks. Diese Maßnahmen stellten allen seriösen Studien zufolge [gemeint ist: allen ürseitigen Studien zufolge] vollkommen sicher, dass keinerlei Radioaktivität in nennenswertem Ausmaß in die Umgebung abgegeben werde und –
Ihr Widerpart hat schon beim Wort »alle« lautstark Einspruch erhoben. Der sitzungsleitende Sekretär erteilt Nee-Ir das Wort und schlägt die Proteste Ür-seits über die Redeunterbrechung mit einem leisen Ausdruck der Überforderung in den Wind. Nee-Ir rezitiert mit sichtlicher Genugtuung eine lange Liste von Gegengutachten – fast sämtlich nee-irschen Ursprungs –, wonach die Strahlungswerte in der weiteren Umgebung Kablomms bedenklich erhöht seien. Außerdem sei im selben Gebiet eine dauerhafte Erwärmung der Wasser- und Landmassen festzustellen, und wie die Nachbarn sich dazu bitte stellen möchten?

Es folgt ein ebenso hitziger wie fruchtloser verbaler Schlagabtausch über Messmethoden und die Interpretation gegebener Daten, der den Laien ratlos zurücklässt. [Böse Zungen könnten behaupten, tatsächlichen Fachleuten wäre es nicht anders ergangen. Der Sekretär macht unterdessen den Eindruck eines Tennisschiedsrichters bei einem besonders hektischen Match.]

Schließlich wischt Ürseits diesen Streitpunkt als überhaupt irrelevant beiseite und verweist auf den positiven Effekt leicht erhöhter Temperaturen auf Bodenfruchtbarkeit und Vegetation. Dies provoziert auf der anderen Seite einen Laut, der den unbedarften Hörer an einen Wutschrei erinnern könnte, wäre eine solche Entgleisung nicht undenkbar im ehrenwerten Plenum der Territorialvorstandskonferenz – kein Wutschrei also, es handelt sich lediglich um die rhetorische Einleitung der Gegenargumente, die nun auf die Zuhörer einprasseln. Es geht demnach um nicht weniger als um die Verödung der biologischen Vielfalt aufgrund der künstlichen Erwärmung und bedenklich veränderten Hintergrundstrahlung, um das absehbare Aussterben einer ganzen Reihe sensibler Arten und um verheerende Folgen auf das biologische Gleichgewicht. Die Vertretung von Ürseits unterbricht mit relativierenden Bemerkungen zur immerwährenden Evolution aller Dinge und der so grundsätzlichen wie abgedroschenen Frage, ob nicht jedes Wirken eines natürlich Organismus auf die Natur wiederum Natur sei und daher das Gerede von den »menschlichen Eingriffen« an und für sich schon überkommener, ewigmodernistischer Unsinn. Diese Betrachtung, obwohl im Tonfall überlegener philosophischer Einsicht vorgebracht, beeindruckt die Gegenseite allem Anschein nach nur mäßig. An dieser Stelle ist jedoch die Aufzeichnung offenbar schadhaft, denn ein Ausruf wie »Ja, wen kümmern schon Feldwispeln, Hauptsache, die Dickarschaffen hier können rumsitzen und in die Plenarsessel …« [das letzte Wort geht im Gekicher der Aufnahmeleitung unter] wäre der Würde des Gremiums nun wirklich unangemessen.

Es folgt allgemeiner Tumult. Auch das Bild wird wieder wackelig, dann stürzt es in einem Wisch aus aufgeregten Händen, Hosen- und Stuhlbeinen gen Boden und zeigt nach einigen Überschlägen schließlich nur noch eine etwas staubige Ecke, während von weiter oben aufbrausendes Deklamieren und erbostes Gezeter zu hören sind, immer wieder auch ein schwaches Aufprallen, jemand wirft wohl mit irgendetwas. Schockierenderweise segelt jetzt ein Mitglied der Plenums kopfüber durchs Bild und bleibt mit verrenkten Gliedern auf dem Boden liegen. Aus dem akustischen Gewirr erhebt sich die zornige Stimme des jungen Sekretärs, der etwas wie »So geht das nicht, ihr könnt doch nicht einfach …« ruft, aber mitten im Satz abbricht. Man hört davonlaufende Füße, das Bild zittert leicht mit der Erschütterung des Bodens, dann nochmals die Stimme des Sekretärs: »Ach – ! Nichts kann man mit denen richtig machen – «, schließlich die eiligen Schritte des letzten Paars Beine, die den anderen nacheilen.

Kurze Stille. In Bild zu sehen sind noch immer ein Stück Boden, ein gefallener Parlamentarier und ein paar Staubflusen. Im Hintergrund, von weit weg, eine Stimme, leiser werdend: »Ja gut, das war doof – sollen wir lieber …«

An dieser Stelle geht die Kamera in Standby. Die holografische Projektion der Geschehnisse verblasst und verschwindet dann mit einem leisen »bib«.

Morai und Sora waren gerade noch ziemlich genervt gewesen von dem Anblick, der sich ihnen bot. Jetzt blickten sie sich an und mussten lachen. Um sie herum auf dem Boden zerstreut lagen die Zeugen der hitzigen Debatte: Durcheinandergeworfene Stofftiere, zerknüllte Algoblätter, hier ein umgekippter Stuhl, dort die wütend beiseite geworfene Schärpe des Ehrwürdigen Interterritorialen Ordens, was zugleich die Frage klärte, wo das beste Geschirrtuch des Haushalts geblieben war. Morai schaltete das Hawi aus, das sie in der Unordnung gefunden hatten. »Die ehrenwerten Herrschaften Parlamentarier werden hinter sich aufräumen müssen, bevor es heute Abendessen gibt …«, sagte er. »Sag du es ihnen«, antwortete Sora, »ich denk mal, sie sind jetzt lieber wieder Sternenritter und wissen überhaupt nichts von irgendwelchen doofen Konferenzen. – Man könnte sich fragen – « Sie sah ihren Gefährten an. »Meinst du, es ist überhaupt gut, wenn sie von dem ganzen alten Kram hören? Diese albernen Territorien – ? Mit ihren sogenannten Grenzen und Parlamenten voller Eierköpfe? Und Fusionsreaktoren, von allem veralteten Strahlenmüll der Welt? Am Ende finden sie das noch irgendwie toll …« – »Ach, lassen wir sie spielen. Sie sehen ja, wohin es führt: Am Ende muss man schon wieder aufräumen, obwohl man gestern erst hat. Das finden sie garantiert nicht toll, unsre Sternenritter.«

In der Tat: Die Sternenritter des Wagemutigen Intergalaktischen Ordens von den Blauen Hosen schlugen sich gerade durch einen undurchdringlichen Dschungel auf dem gefährlichen Planeten Kuga-Ter, schlichen sich trickreich um dessen wilde vierbeinige Bewohner herum und erklommen dann den schwindelerregenden Berg des Nachbarhauses, das sich mit seinen grünen Flanken vor ihnen erhob wie ein übergroßer Gugelhupf. Sie dachten weder an Fusionsreaktoren noch an irgendwelche Sitzungen und schon gar nicht ans Aufräumen; sie hatten genug damit zu tun, nicht in die Leiterbahnen der Chelatkomplexanlage zu geraten (das kam erfahrungsgemäß nicht so gut an und konnte wegen Ausfall des nachbarlichen Backofens Engpässe in der Keksversorgung nach sich ziehen). Dann hatten sie es nach oben geschafft und blickten auf die Umgebung herab.

Wären wir beide dort gestanden, hätten wir gesehen: Viele grünbewachsene Hügel, alle von zahlreichen Aufgängen, Terrassen und Fenstern durchbrochen, jeder davon ein Zuhause und sein eigenes Phytosynthese-Kraftwerk zugleich; dazwischen Wiesen und lockere Gehölze, wo die Tiere der Ansiedlung frei laufen, Obstbäume, Hecken, Felder, auf denen jetzt zur Erntezeit kleine robuste Roboter und Menschen Seite an Seite zügig arbeiten. Dort drüben der Fluss, man sieht von hier aus den Auwald und das Glänzen von Wasser zwischen dem Laub. Über all das hinweg führen silbrige Stränge in die Weite, zu anderen Ansiedlungen, in die Metropolen oder in die Einsamkeit, wenn man das möchte; windschnell und lautlos gleiten die Transportkapseln an ihnen entlang. Weiter hinten offenes Land und dichter Wald. Die beiden Monde, die sich gerade über die Wipfel erheben – der kleinere dicht auf den Fersen seines behäbigeren großen Bruders, den er heute Nacht noch überholen wird –, haben in den letzten Jahrhunderten einen blaugrünen Schimmer bekommen. Manchmal sieht man abends das Blinken eines Antigraven auf seinem Weg aus der Schmidatmosphäre.

Unter den Augen der Sternenritter aber breitet sich eine ganz andere Landschaft aus. Für sie erstreckt sich hier eine zerklüftete rote Steinwüste bis zum pechschwarzen Horizont. Der harte Boden ist durchbrochen von tiefen, rauchenden Rissen, die wohl direkt hinabreichen bis ins flüssige Innere des jungen Planeten. Von den Bergen herab bahnen sich reißende, orange brodelnde Ströme ihren Weg ins Tal, wo sie früher oder später in eine der Schluchten stürzen und fauchend verdampfen. Riesige gepanzerte Echsen bewegen sich träge durch den Staub. Unter den sengenden Strahlen eines bläulich gleißenden Doppelgestirns wächst so gut wie nichts, nur einige kleine, metallisch blaue Büsche mit messerscharfen Dornen klammern sich mit verdorrten Wurzeln in den kargen Untergrund, und hier und da sind die roten Felsen grünfleckig von Flechten und korallenartigem Moos.

Die Sternenritter fürchten sich nicht. Sie rücken ihre Ausrüstung zurecht und machen sich an den Abstieg, um diese neue Welt zu erkunden. Sie sind Entbehrungen gewöhnt, sie trotzen Unbill und Gefahr, sie bereisen ferne Planeten in einer fernen, fernen Zukunft.

Jedenfalls bis zum Abendessen.