Willkommen

Eine zufällige Unterhaltung an der Straßenecke.
Ende November.

Ein dünner Mann im dunklen Anzug sprach mit einem andern, dessen leise Worte in einem fremden Akzent ich nicht verstand:

– Vermutlich wissen Sie ja alles darüber, wie der Octo uns von den Meeren zurück aufs Land jagte? Nein? Dann gehen Sie am besten ins Old Dragon Inn und fragen nach dem alten Aaron. Vielleicht erzählt er Ihnen von den Kriegen. Aber sehen Sie sich ruhig auch hier ein wenig um – in dieser Gasse, in der wir stehen, zwischen den kleinen Häusern aus Feldsteinen und alten Betonbrocken und unter dieser trüben Gaslaterne – sehen Sie sich besonders die Gaslaternen an. Jeden Abend, wenn die Lichter angehen, verbreitet sich der Geruch von Faulgas über der Stadt; irgendwo in der Nähe ist immer eine Laterne, die nicht richtig brennt. Man gewöhnt sich daran. Wir kommen recht gut mit dem aus, was wir haben, und Abfall haben wir immer genug gehabt. Einiges davon kann man immerhin in Dünger und Gas verwandeln, wenn auch nur den kleineren Teil. Worauf hat man sich nicht alles berufen, um den Menschen vom Tier abzugrenzen, dabei ist die einfachste Unterscheidung diese: Wir sind die einzigen, die Unrat produzieren, der langsamer vergeht als unsere Knochen. Man könnte unsere Geschichte als die zweihunderttausendjährige Geschichte des Abfalls schreiben, länger gibt es uns noch nicht. Eine Menge Müll in kurzer Zeit, wenn man es recht bedenkt. Wissen Sie, wie lange es den Octo gibt? Mehrere Hundertmillionen Jahre. Ich finde es im Grunde erstaunlich, dass er uns aufdringliche Neuankömmlinge nur aus dem Wasser vertrieben hat. Gewissermaßen recht höflich.

Wissen Sie noch etwas? Möchten Sie noch etwas wissen? Eigentlich möchten das die wenigsten, ich finde es verständlich. Aber gehen Sie einmal über den alten Südfriedhof und betrachten Sie sich die Gräber. Um sie herum wachsen Krokusse und Narzissen, Bärlauch und Immergrün, Butterblumen und natürlich Vergissmeinnicht. Aber auf den Gräbern wächst Adlerfarn. Er ist giftig, und man muss ihn seinerseits vergiften, wenn man ihn loswerden will; das ist nun natürlich auch schwieriger geworden, seit dem verlorenen Krieg. Man kann versuchen, ihn auszugraben, aber man zieht den Kürzeren. Er bleibt doch im Boden und breitet sich aus, und er wird so dicht und groß, dass die Bäume es schwer haben, gegen ihn anzuwachsen. Eine einzelne Pflanze kann Tausende von Jahren alt werden. Bedenken Sie: Tausende. Wissen Sie noch, wie das Wetter war an dem Tag, als König H. der Prachtvolle, erhabener Herrscher von A. und J., von einem aufgebrachten Haufen Bauern auf Mistgabeln gespießt durch diese Stadt getragen wurde? Und noch früher, als der erste Fischer sich da unten am Fluss eine Hütte baute, ungefähr dort, von wo Sie vorhin die Straße heraufkamen – nur für sich allein, weil seine Liebste einem wohlhabenden Händler versprochen worden war? Dann fragen sie mal den Farn, er könnte es ihnen leicht sagen; das ist für ihn alles erst letzte Woche passiert.
– Es schien übrigens die Sonne, als der König endlich starb, aber es regnete, als der Fischer ein Pfostenloch aushob und den Tonkrug mit den alten Münzen darin fand. Es nützte ihm freilich wenig; das Mädchen war schon mit den Spielleuten davongelaufen. Doch entschuldigen Sie, ich schweife ab.

Was ich Ihnen noch sagen wollte: Sehen Sie sich den Adlerfarn einmal genau an, wenn er im Frühling aus der Erde kommt, die Blattwedel noch eingerollt und die Blätter zu kleinen Fäusten geballt. Auch wenn es Ihnen schwer fällt – denken Sie dabei daran, wie der Octo aussieht. Sehen Sie? – –

Wissen Sie auch, wie lange es schon Farne gibt auf der Welt? Seit ungefähr 400 Millionen Jahren. Ja, in etwa ebenso lange wie den Octo, ein paar Zehnmillionen Jahre hin oder her; das macht nicht viel aus bei all der Zeit. Wir wissen natürlich, was eine Pflanze ist und dass sie nichts mit einem Tier zu tun hat. Wir sind gut darin, Lebewesen zu klassifizieren, sie auf einen Namen festzulegen und auf genau eine Art, zu sein. Wir können so gut die Klinge ansetzen, sie bei lebendigem Leib sezieren und ihre zuckende Einzelteile sortieren. Wir wissen ebenso sicher, dass Farne nichts weiter sind als hartnäckige Pflanzen, die nicht wissen, was um sie herum geschieht, wie wir einmal sicher wussten, dass Octos minder intelligente Weichtiere sind, gerade einmal fähig, einem Artgenossen abzuschauen, wie man eine Schublade mit Futter öffnet …
Aber hier sitzen wir nun auf dem Land fest, weniger zahlreich als früher, hungriger als früher, umgeben von allem Unrat, den wir früher einmal ins Meer geworfen hätten; und währenddessen wimmeln die Ozeane wieder vor Fischen. Man sagt, dass die Strahlung dort wohl schon nachgelassen habe.

Hier an Land sind wir immerhin vor dem Octo sicher, meinen Sie? Ja, auch das sagt man. Und auf unseren Friedhöfen greifen grüne Tentakeln in die Luft.
Aber warum gerade aus den Gräbern? Machen unsere Toten etwa gemeinsame Sache mit ihnen? Werden sie zu giftigem Farn, der irgendwann das Land übernimmt, wie der Octo das Meer übernahm? Wer wird es dann sein, der uns vor sich hertreibt, und warum, und wohin können wir dann noch gehen …?

– Sie sehen mich etwas zweifelnd an. Verzeihen Sie, ich vergaß, mich vorzustellen. Mein Name ist Augustin Barbosa, und ich sehe, Sie sind gerade erst hier angekommen. Ich lüfte den Hut und sage: Willkommen!