Es brennt. Und Skateboardfahrenversuchen (I)

Es gab dieser Tage erst viel nachvollziehbares Entsetzen über den Brand von Notre-Dame und dann viel Unverständnis darüber, wie schnell da aus den überall nachzulesenden Quellen unfassbare Summen für den „Wiederaufbau“ zusammenkommen, weil es objektiv noch viel wichtigere, da unmittelbar Menschenleben oder das Leben auf dem Planeten insgesamt betreffende Dinge zu tun gäbe, für die aber immer irgendwie kein Geld und nicht die nötige Art von Aufmerksamkeit da zu sein scheint.

Ich finde Folgendes bedrückend:

Das viele Geld, das da nun zusammenkommt, wird den Schaden nicht wieder gutmachen können. Einen 800 Jahre alten hölzernen Dachstuhl holen auch keine 600 werbewirksam spendierten Millionen sogenannter Mäzene zurück. Jetzt ist es natürlich so, dass jedes historisches Gebäude auch immer seine eigene, stein- und holz- und irgendwann auch stahlgewordene Geschichte von Bränden, Einstürzen, Verwüstungen und Wiederaufbau ist, das bleibt nicht aus und muss irgendwie auch okay sein so. Aber irgendwie könnte es einen in diesem Fall doch ärgern – da steht diese Kirche stoisch und mehr oder weniger unbehelligt zwei Weltkriege durch, und dann fällt sie erst Luftschadstoffen und dann unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen bei der Sanierung beinahe zum Opfer? Was man, ich rate hier mal, vermutlich mit einem besseren Brandschutz und mehr Überwachung der Baustelle verhindern hätte können, wofür, ich rate noch mal, scheinbar kein Geld oder auch keine Zeit da war? Was sagt das bitteschön über unsre Gegenwart, dass sie so nebenher Sachen zerstört, die reichlich Jahrhunderte und diverse Kriege überstanden haben?

Diejenigen, die jetzt mit großen Summen zu Hilfe eilen, hätten ihr Mäzenatentum freilich billiger ausleben können, während es noch um – spät und unterfinanziert vor sich gehende – Renovierungsarbeiten ging und nicht um den Totalverlust historischer Bausubstanz.  Billiger und womöglich wirksamer, aber nicht lohnender, denn das hätte wohl kaum jemand bemerkt. Ein paar Leuten in der Modebranche wäre es möglicherweise milde positiv aufgefallen. Jetzt, nach den Bildern, den  News-Tickern, den Analysen und dem allgmeinen Entsetzen, jetzt kann man, wo vorher nur ein wenig höfliches Interesse für die corporate social responsibilty zu erwarten gewesen wäre, quasi Retter der französischen Nation sein. Aus PR-Sicht ist so ein Brand keine üble Sache. Man könnte dann nach dem Abschluss der Arbeiten auch noch mal über den Namen nachdenken, Notre-Dame de Paris, das ist ja nicht sehr aussagekräftig. Vielleicht wäre ein Neubenennung angemessen, nach dem gängigen Muster bei Sportstätten und mittlerweile auch dem ein oder anderen Universitätsgebäude.

Trotzdem, die Spender schelten – ja, es ist bizarr und verquer, was geht und was scheinbar nicht geht, und das Gefühl, dass hier was falsch läuft, dass hier allzu offensichtlich quasifeudale Entscheidungen getroffen werden, welches Projekt prestigeträchtig genug ist, um ins eigene soziale Kapital zu investieren, ist, glaube ich, angemessen und berechtigt. Aber mal rein von der Brandstätte aus betrachtet: Es wird jetzt Unsummen brauchen, wenn man die Kathedrale nicht einfach zusammenfallen lassen möchte. Der Staat oder die Staatengemeinschaft, die da ja auch mal, von wegen Europa und so … hätte das Geld vermutlich auch selber, aber sicher nicht im Etat für Denkmalschutz. Und ich habe den Eindruck, die Kritik an den Vorgängen geht nicht weit genug, sie fällt auf halbem Weg einem abgebrannten Gebäude auf den Kopf dafür, dass es kein noch wichtigeres Anliegen ist. Soll man ernsthaft die Investition, ob staatlich oder privat, in ein Kulturdenkmal kritisieren? Das ist doch schon wieder mal dieselbe hoffnungslose Rechnung, in die wir eh viel zu oft gedrängt werden, Kultur versus Klimaschutz versus Arbeitslosengeld versus Kita-Ausstattung versus Gesundheitswesen versus Minderheitenschutz versus alles andere, was tatsächlich etwas wert ist, aber leider die nächsten Quartalszahlen nicht schöner macht, und die nie aufgehen kann, weil man da immer schon nur mit dem Rest der eigentlichen Bruchrechnung hantiert, die auf einer ganz anderen Tafel stattfindet.

Es gäbe da vielleicht ein paar andere Bereiche, an denen man zum allgemeinen Nutzen und Frommen gut sparen oder einnehmen könnte, was anderswo bitter fehlt. Es wäre auch denkbar, nicht (schon wieder und immer noch) in einem System zu leben, in dem der Staat bereitwillig seine Aufgaben und finanzielle Handlungsmacht an die Wirtschaft und ihre Vertreter abtritt. Es wäre unter Umständen eine Welt vorstellbar, in der die finanzielle und anderweitige Aufmerksamkeit sich nicht nach den lautesten Bildern richtet.

Theoretisch.

:-:-:

 

Gestern war ich zum ersten mal mit dem Skateboard draußen. Die Theresienwiese war glücklicherweise sehr groß und ziemlich leer, und die Sonne flirrte hinreichend über dem Asphalt, um ab zehn Metern Entfernung alles hinter einem milchigen Schleier von Ungewissheit verschwinden zu lassen, also auch mich, hoffe ich. Ich bin ein paar Meter hin und dann wieder zurück gerollert und dann von einem fast stillstehenden Board fast runtergefallen. Dann bin ich schamesrot und mit Board unterm Arm wieder heimgegangen. Für fucking diesmal. Es war, ohne Witz, auch tatsächlich einfach zuviel Sonne und zu warm für mich und diese Jahreszeit.
Drei Dinge hab ich gelernt, und das ging immerhin schnell, gemessen an der Kürze der Unternehmung:

i) Es gibt deutlich größere Unterschiede in der Beschaffenheit von intakten Asphaltoberflächen, als mir bisher bewusst war, und für den Anfänger auf nem Skateboard empfiehlt es sich, nach der absolut glattesten und intaktesten davon zu suchen. Ich würde nach einer ersten Begutachtung der Umgebung leider sagen, die beste Oberfläche für erste Skate-Versuche findet sich häufig da, wo ausschließlich Autos langfahren sollen. Hm.

ii) Ich bin dafür nicht wirklich sehr begabt.

iii) Ich will das lernen, zum Geier und zu allen anderen flugfähigen Wesen.