ding

Ich mag die Formulierung „was schön war“[1], weil sie nahelegt, dass letztlich meistens oder jedenfalls immer wieder irgendwas schön war oder ist; „etwas war schön“ als wiederkehrende Aussage über die Welt hat was Tröstliches. Man sollte das auf jeden Fall pflegen.
Das Gegenteil davon ist in meinem privaten Sprachgebrauch mittlerweile „sonst so“, denn „was Scheiße war, Scheiße ist und aller Voraussicht nach noch sehr lange Scheiße bleiben wird“ würde grundsätzlich den Rahmen sprengen, spätestens wenn man sich etwas weitläufiger umsieht; darum „sonst so“ für das, was mir gerade massiv, speziell und besonders akut Scheiße war.

Sonst so, letzthin, kurz vor Weihnachten, innerhalb einer Woche:

  • Nach derselben Logik, nach der in manchen anderen Ländern neutrale Information über die Tatsache, dass es Homosexualität gibt, als „Propaganda“ untersagt ist, soll hierzulande Information über Schwangerschaftsabbrüche durch diejenigen, die darüber am besten informieren könnten, als „Werbung“ verboten bleiben.
  • Statt die Anzahl der Psychotherapeuten dem tatsächlichen Bedarf anzupassen und – abseitige Idee – nebenher drüber nachzudenken, was man tun könnte, damit nicht ganz so viele Leute überhaupt erkranken, seis psychisch oder physisch (könnte es beispielsweise, hm, hmhm, unter Umständen immer wieder mal etwas mit den Arbeitsbedingungen zu tun haben, ebenso übrigens wie die schlechte Übereinstimmung zwischen den Öffnungszeiten der Arztpraxen und den Wünschen der Patienten weder an der Faulheit der einen noch am Anspruchsdenken der anderen liegen muss, sondern eventuell damit zusammenhängen könnte, dass kaum jemand einfach mal so untertags zum Arzt gehen kann, ohne dafür einen ganzen Urlaubstag abschlagen zu müssen, falls man den überhaupt so ohne Weiteres genehmigt bekommt?) – stattdessen also möchte man dringend eine Vorsortierung der potentiellen Patienten respektive eingebildeten Kranken einrichten, ob es ihnen denn, je nach Kontingentstand, überhaupt schlecht genug geht oder sich da jemand halt mal, mimimi, zusammenreißen sollte. Man sieht schon die Ratgebervideos auf Youtube vor dem inneren Auge: Zwischen Warteliste und Eingeliefertwerden – so meistern Sie das Vorabgespräch!
  • Wer kein Mann und keine Frau ist, hat das – anders als alle anderen – erstmal (nach, allzu diplomatisch ausgedrückt, diskutablen, direkt gesagt: willkürlich gesetzten Maßstäben) zu beweisen und von selbstredend besser informierten Dritten bescheinigt zu bekommen, ansonsten hat man das Sein gefälligst zu unterlassen, damit die Papiere ihre amtliche Ordnungsfunktion an der Wirklichkeit vorbei entfalten können. Da gilt es schon, Prioritäten zu setzen.

Wo kämen wir denn auch hin. Da könnten ja alle kommen und nicht sinnlos in unerträglichen Situationen gefangen sein wollen, und wo kämen wir dann bitteschön hin? Man weiß es nicht genau, aber „woanders“ wäre als Antwort – und sowieso – sicher nicht verkehrt.

– Entschuldigung, der Rant bleibt wegen ausgeprägter Jahresendmüdigkeit in politischen Dingen fragmentarisch, ohne hilfreiche Links und unangemessen kurz. Wir stellen nüchtern fest: Das da vor ein paar Wochen war absolut keine gute Woche für die Selbstbestimmung, und das sehr schlechte Gefühl drängt sich auf, dass es bei der einen Woche nicht bleiben wird, übrigens, wer weiß, was ich seitdem eben wegen Jahresendmüdigkeit in politischen Dingen schon wieder alles verpasst hab an Hanebüchenem.

Wie auch immer.
Ab hier dürfen die Pause zwischen den Jahren, die Sofadecke und die kleinen Wörter übernehmen.

:-:-:

„Der Peter sagt, man muss ihn halt kennen, der ist an sich nicht ding, aber halt – ein bisschen komisch.“
[…]
„So ein bisschen eitel und so. Die war aber vorher gar nicht ding, die ist erst wegen dem so geworden.“
[…]
„Der hat da auch die Straßenschuhe angelassen auf dem Teppich und so. Die sind da eh a bisserl ding, weißt wie ich mein?“

Ja! – Das „ding“ ist hier nämlich als jeweils ohne Zögern ausgesprochen zu lesen, nicht als Platzhalter, sondern als eigenständiges Adjektiv mit offensichtich wohldefinierter Bedeutung[2]. Wieder mal von den Nachbarn im Zug einen schönen Wortgebrauch gelernt, danke, das ist ja nie ding.

:-:-:

In letzter Zeit außerdem gelernt: „Schuckeln“ ist ein offizielles Wort, „brötteln“ nicht, außer man lässt sich das Hochdeutsch-plattdeutsche Wörterbuch auf der Grundlage ostfriesischer Mundart von Otto Buurman einen Duden sein, und wer sollte einen immerhin daran hindern?

:-:-:

Theresienwiese, Dezemberausgabe.


 
Und neulich in einem Büroquartier, der Kleene war ungefähr 15 Zentimeter groß (mit Hut).

Das war beides schön.
 

[1] Ich glaube, ich habe diese schöne Formulierung vom Buddenbohmschen Blog übernommen (das grundsätzlich selber unter „was schön ist“ zu erwähnen wäre). Dankeschön! Und weil dort kurz vor Silvester in den Kommentaren mal zur Sprache kam, ob „was schön war“ als Rubrik wiederaufzunehmen sei: Gute Sache, ich würde mich dem anschließen.

[2] Auch wenn ich den korrekten Dudeneintrag noch nicht schreiben könnte. Eng sinnverwandt sind zweifellos „zwider“, „verkehrt“ und „arg“, aber ich glaube, sie können hier nicht als ganz synonym betrachtet werden. Selber könnte ich wohl in Zukunft auch „sonst so:“ durch „ding:“ ersetzen.