Wahlabend

Bei einbrechender Dämmerung eine Runde durch den Park und über die Theresienwiese. Zu Füßen der Bavaria eine Gruppe zwischen die hingeworfenen Fahrräder gelagert, Musik von fragwürdiger Gesamt- und nicht einmal mehr fragwürdiger Soundqualität aus einem Handy gequäkt, es redet sich betont laut und weithin vernehmbar und mit viel Digger und Alder: über den Ausgang der Europawahl, die Wahlbeteiligung, Populismus und die Unwählbarkeit von CDU/CSU.

 

Man kann sich auf einer Nachrichtenseite nach Wahl die Stimmverteilung nach Altersgruppe anschauen. Ich gebe freiwillig mein Stimmrecht ab, wenn alle anderen über 30 das auch tun.

 

In der Unterführung streiten sich drei derer, die dort übernachten, dann gehen sie zur anderen Seite davon. Von den übrigen, die schon in ihren Schlafsäcken liegen oder sitzen, fängt einer an zu singen, laut in der hallenden Betonakkustik, ein klagendes Lied, eher östlich als westlich, etwas schief und schön in der Dämmerung.

 

Die Kamille, die schon wieder blüht, hat ihre Blätter für die Nacht zurückgelegt. Im Osten, über den Adventskalenderhäusern der Ludwigsvorstadt, steht eine schmale Wolkenwand, weiß und puffelig im einnachtenden Blau, rosa vom Sonnenuntergang gegenüber.

 

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Ich versuche, ein unreviewbares Album zu reviewen, über das zu allem Übel sowieso schon viel zu viel Kluges und Dummes geschrieben worden ist. Neben dem Rechner liegt „Modern Nature“ von Derek Jarman, wie ein dringend benötigter Talisman für Sprache.

 

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